Der Beitrag Technikglaube als Ersatzreligion: Elon macht das schon! erschien zuerst auf Dossier-Digital.
]]>Der Zeitpunkt hätte vergangene Woche nicht besser sein können. Während die Hohepriester der deutschen Wirtschaft – die Chefs von VW, Audi und Co. – ihren Gang nach Berlin antraten, um beim Dieselgipfel einen möglichst schmerzfreien Ausweg aus dem Abgasskandal zu finden, feierte ihr smarter Counterpart Elon Musk auf der anderen Seite des Erdballs den Launch seines seriengefertigten Tesla Model 3. Das Elektroauto aus dem „Valley” soll erstmals für die breite Masse erschwinglich werden – und mindestens die Revolution auch auf unsere Straßen bringen, wie die versammelten Hofberichterstatter teilweise ehrfürchtig kniend einhellig konstatierten. Die ersten dreißig Vorserienmodelle des Tesla Model 3 gehen übrigens an ausgewählte Mitarbeiter der Unternehmen Tesla und SpaceX und bleiben somit erstmal in der Familie. Bis die ersten Chargen des E-Flitzers für den normalen Verbraucher vom Band laufen, wird es noch ein bisschen dauern. Macht nichts, die Revolution kommt, ob nun im August oder September, danach fragt am Ende keiner mehr.
Seit einigen Jahren schon wird dem E-Auto das größte Potential zugeschrieben, wenn es darum geht, die Mobilität ins 21. Jahrhundert zu bringen. Saubere Energie, Nullemissionen, garniert mit smarten Technologien, autonomem Fahren, künstlicher Intelligenz, Netflix-Abo und unzähligen weiteren Annehmlichkeiten. Seit der E-Mobilität – eigentlich eine uralte Technologie – dieses Potenzial zugerechnet wird, verging kein Tag, an dem der kalifornische Newcomer nicht in den Schlagzeilen war. Jetzt beginnt die Phase, in der Musk erstmals liefern muss. Das Unternehmen hat bislang noch keinerlei Erfahrung mit großen Stückzahlen und wird in den nächsten Monaten „durch die Produktionshölle gehen”, wie Musk schon im Vorfeld gegenüber der Presse gestand.
Dem Unternehmen steht nun der Realitätscheck bevor, die Vision trifft zum ersten Mal auf die harte Wirklichkeit – ein Moment, der bei den Projekten von Elon Musk in der jüngeren Vergangenheit eher selten eintrat. Über die Projekte des Paypal-Mitgründers muss im Grunde nicht mehr viel gesagt werden, die Ideen des Südafrikaners werden in nahezu jedem Medium angekündigt, thematisiert und meist gefeiert. Die Hochgeschwindigkeitsröhre Hyperloop, der Plan zur Kolonialisierung des Mars, die Untertunnelung von Los Angeles und viele weitere Ideen mit unterschiedlicher Halbwertszeit haben dem Milliardär den Nimbus eines genialen Querkopfs verliehen, der die ganz großen zivilisatorischen Probleme anpackt.

In den Augen der Öffentlichkeit gelten Musks Projekte als Absolutum und überhaupt nur anzuzweifeln, dass wir in 20 Jahren nicht in einer – selbstverständlich klimaneutralen – Hochgeschwindigkeitsröhre zum Bioladen fahren werden, gilt als Sakrileg. In der nahen Zukunft wird es – verdammt nochmal – keine Mobilitätsprobleme mehr geben, überfüllte Innenstädte werden der Vergangenheit angehören, saubere Energie wird in unbegrenzten Mengen verfügbar sein und das Plastik fischt sich quasi von selbst aus dem Meer.
Anzeichen dafür, dass viele dieser Ideen auf ewig in der Konzeptphase bleiben und nie ihre Realisierung erfahren werden, werden dabei dezent ignoriert. Denn wahr ist auch: Sein Geld verdiente Elon Musk nicht mit Tesla, SpaceX oder anderen Projekten, sondern mit ganz weltlichen IT-Plattformen wie Zip2, X.com oder natürlich Paypal. Die restlichen Engagements sind allesamt wenig profitabel und werden wohl auch in naher Zukunft keine schwarzen Zahlen schreiben. Bislang nutzten die erdachten Utopien vor allem einem: Ihrem Urheber. Durch die öffentliche Rezeption von Hyperloop & Co. erfährt Elon Musk eine öffentliche Aufmerksamkeit, die durch kein Marketingbudget der Welt zu ersetzen wäre.
Tesla schaltet so gut wie keine Werbung und ist trotzdem in aller Munde. Musk hat eine perfekte PR-Maschinerie erschaffen, die regelmäßig mit neuen Superlativen gefüttert werden will, um die Öffentlichkeit und letztlich auch die Investoren zu begeistern, die neues Kapital in seine Projekte pumpen müssen, um die Maschinerie am Laufen zu halten. Die Nachrichtenseiten bekommen Klicks mit Musk, indem sie ihre Technologie-Ressorts inflationär mit seinem Namen bestücken. Musk bleibt im öffentlichen Gespräch und die Öffentlichkeit darf sich ein paar Mal am Tag in eine bessere, weil sorglose Zukunft flüchten. Nur ein Aspekt bleibt dabei auf der Strecke: Realistisch sind die Zukunftsentwürfe, die uns tagtäglich präsentiert werden, eher nicht – oder glaubt wirklich jemand, dass das autonome Fahren in naher Zukunft auch nur eines unserer akuten Verkehrsprobleme lösen wird? Oder dass die elektrische Energie für das Auto der Zukunft bald ohne den Verbrauch fossiler Ressourcen erzeugt, gespeichert und wir mit einem vertretbaren Wirkungsgrad emissionsfrei auf den Straßen unterwegs sind? Oder gar dass ein Privatunternehmen den Mars kolonisiert?
Ein Grundproblem unserer beschleunigten Gesellschaft ist, dass die Basis, also jeder Einzelne, aufgehört hat, nach realistischen Lösungsansätzen zu suchen und gesellschaftliche Entwicklungen zu hinterfragen. Das liegt auch daran, dass die Konfrontation mit Krisen, Konflikten und Katastrophen in Echtzeit eine Überforderung schafft, die das Innehalten und Reflektieren zunehmend erschwert. Noch nie hatten die Menschen so viele Freiheiten, losgelöst von religiösen Dogmen oder politischen Zwängen. Die allgemeine Reaktion besteht aber nicht etwa in einer Flucht nach vorne, hin zur radikalen Selbstverwirklichung, sondern im genauen Gegenteil: Abkapselung, Rückkehr zu konservativen Strukturen und der Suche nach Ersatzreligionen. Die aktuelle blinde Technikgläubigkeit ist die logische Konsequenz daraus.

Jede Form von Glauben dient letztlich der eigenen Rechtfertigung und der Aufrechterhaltung des eigenen, bequemen Status Quo. Will sich eine Gesellschaft aber wirklich verändern, muss sie dorthin, wo es weh tut. Die derzeit favorisierten Zukunftsentwürfe – autonomes Fahren und Elektromobilität – sind auch deshalb so hoch im Kurs, weil sie ein gutes Gewissen ermöglichen, ohne die eigene Lebensführung grundlegend verändern zu müssen. Seit Tesla, Hyperloop und Co. im Gespräch sind, ist es verdächtig still geworden um all die naheliegenderen Lösungen und Konzepte wie eine autofreie Innenstadt, die auch ohne die Überwindung hoher technischer Hürden wie der Entwicklung einer wirklich leistungsfähigen Speichertechnologie schon heute möglich wäre. Aber autonomes Fahren klingt natürlich viel attraktiver wie „Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs”. Solche Lösungen würden schon eine gewisse Veränderung der Lebensführung jedes Einzelnen erfordern – ein unbequemer Gedanke. Dann doch lieber einen selbstfahrenden SUV, der den Energieverbrauch eines Kleinlasters hat und den öffentlichen Raum in Großstädten okkupiert.
Die aktuelle Technikgläubigkeit ist ein ideales Vehikel für den latenten Wunsch, alles so lassen zu wollen wie es ist. Wir können nach wie vor jeden Kilometer in unserem eigenen PKW zurücklegen, schließlich kommt ja irgendwann die Absolution in Form des E-Autos. Wir können weiter Müll produzieren, weil irgendwann ja ein geiles Start-Up das Meer wieder aufräumen wird. Und wir können weiter unbegrenzt Energie verbrauchen, schließlich ist die irgendwann ja ohnehin komplett regenerativ. Und wenn das alles nicht passiert, kann Elon uns ja immer noch auf den Mars bringen.
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]]>Der Beitrag Diskussionskultur im Netz: Mehr Filterblase wagen! erschien zuerst auf Dossier-Digital.
]]>Ja, die Lektüre einer Zeitung war mal ein Statement, in einer fernen Zeit vor dem Smartphone. Nichts war besser geeignet, mit einer kleinen Bewegung die eigene politische Haltung zu kommunizieren. Wer etwa aus einer ländlichen Region stammte und in die Großstadt pendeln musste, konnte mit der raschelnden Lektüre des richtigen linksversifften Käseblattes vortreffliche Reaktionen bei seinen Mitfahrern in öffentlichen Verkehrsmitteln auslösen, die bereits in dritter Generation die – politisch einwandfreie – Lokalzeitung wie ein bürgerliches Schutzschild vor sich hertrugen. Wer eine Zeitung mit sich führte, konnte sich emanzipieren, integrieren, abgrenzen, solidarisieren. Alles nur mit einem Stück Papier.
Diese Zeiten sind leider vorbei. Heute kann man nur noch erahnen, welche Webpage sich das Gegenüber gerade auf seinem Smartphone ansieht. Zieht sich der geschätzte Mitfahrer gerade einen Diskussionsthread auf “Politically Incorrect” rein? Beschimpft er Claudia Roth mit seinem Fakeprofil? Oder bestellt er sich eine Ingwer-Karottensuppe ins Büro? Man weiß es nicht. Traurig eigentlich. Und unbefriedigend.

Um heute den eigenen Voyeurismus zu stillen, ist es einfacher, auf Facebook zu gehen. Hier kann man nach Lust und Laune die Kommentarsektion bei Bernd Höcke aufsuchen, danach kurz die Diskussion unter einem Artikel zum Thema “Impfen” lesen und sich ansonsten dem Medienkonsum widmen. Nein, nicht nur eines Mediums, ALLER Medien. Schließlich hat man ja ein Dutzend Nachrichtenportale, Blogs und Infotainment-Plattformen vorsorglich geliked, um nichts zu verpassen. Ein ganz normaler Tag in der eigenen Filterblase eben. Doch warum eigentlich Filterblase? Und worin liegt denn jetzt der große Unterschied zu früher? Sind wir – so der Grundvorwurf – wirklich isolierter geworden und setzen uns nur mit Unseresgleichen auseinander?
Der Begriff der Filterblase meint zunächst einmal nur, dass User durch personalisierte Informationen, die zum Beispiel im eigenen Newsfeed auftauchen, gegenüber anderen Meinungen zunehmend isoliert werden. Das mag bis zu einem gewissen Grad stimmen. Aber ist es nicht heute so, dass man trotzdem immer noch mehr sieht als früher, als die bloße Menge an Informationen noch viel geringer war?
Der Zugriff auf Nachrichten ist heute universeller denn je. Daher stellt sich schon die Frage, warum denn die Filterblase ein neues Phänomen sein soll? Im Gegenteil, war früher nicht sogar mehr Filter?

Der offensichtlichste Unterschied zu früher liegt bei den gelesenen Inhalten: An die Stelle einer selektiven Zeitungslektüre, bei der das ausgewählte Blatt einen hohen Vertrauensvorschuss genoss, bei der man die Autoren und die Meinung des Leitartiklers kannte und seine Lieblingskommentatoren und Hassfiguren hatte, ist ein kostenloser, zusammengewürfelter Nachrichtenkonsum getreten, der nicht selten viele Medien aus den verschiedensten politischen Ecken einschließt. Auf einmal konsumiert jeder alles und die großen Nachrichtenplattformen tun alles dafür, dass alles für alle konsumierbar bleibt.
Die früheren Bastionen politischer Meinungshoheit, die großen Tageszeitungen, wirken auf Facebook plötzlich wie nette kleine Entertainmentportale, die sich Themen wie “Diese 10 Superfood-Trends musst du probiert haben” widmen und auf die kommentierende Community mit lustigen Gifs reagieren. Dabei machen alle das gleiche, wollen jeden ansprechen und bereiten ihre Inhalte dementsprechend auf. “Klickstarke” Überschriften haben die Wortspiele verdrängt, alles ist maximal verständlich und eben konsumierbar. Von Filterblase keine Spur. Vielmehr eine große, ermüdende Einheitlichkeit. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die inhaltliche Tiefe. Zum gesellschaftlichen Konsens gehört es mittlerweile, Diskussionen mit den immergleichen Argumenten an der Oberfläche zu führen – und mit jenen zu diskutieren, mit denen man gar nicht diskutieren wollte.
Soziale Medien bringen Menschen zusammen, die nicht nur aus dem gleichen Freundes- und Kollegenkreis stammen. Man trifft auf Leute, denen man irgendwann im Leben mal begegnet ist und bei denen man nicht wirklich ein Interesse hat, ihnen noch einmal zu begegnen. Der Knackpunkt hierbei ist aber: Online trifft man sie. Auf Facebook kommt man nicht nur mit jenen in Berührung, mit denen man sowieso jeden zweiten Abend in der Kneipe verbringt und die aus dem gleichen Umfeld kommen, wie man selbst. Viel interessanter ist der ganze Rest: Der alte Klassenkamerad, der auf einmal libertär ist. Der nette Typ von früher aus der Metzgerei, der zur kollektiven Empörung gegen Flüchtlinge aufruft. Ein alter Kumpel aus dem Fußballverein, der gerade den G20-Gipfel blockiert. Sie alle sind auf Facebook aktiv und teilen fleißig ihre Meinungen, ihre Wut, ihre Ressentiments oder Fotos von ihrem letzten Musicalbesuch. Das legt den Schluss nahe, dass sich User mitnichten ausschließlich innerhalb der eigenen Filterblase bewegen, zumindest weniger als im realen Leben. Auch wenn es eher ein unterbewusster Vorgang ist, werden die Grenzen zwischen Milieus, sozialen Schichten und politischen Ideologien hier sogar eher verwischt als manifestiert. Verschwörungstheoretiker, Radikale oder einfach nur Arschlöcher gab es auch schon, bevor sie plötzlich Facebook für sich entdeckten. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass wir plötzlich täglich mit ihnen konfrontiert werden.

Wie, liebe User, lässt sich also die öffentliche Debatte wieder zivilisieren? Darauf gibt es eine klare Antwort: Mehr Filterblase! Seht ein, dass eine fundierte Diskussion nicht mit jedem möglich ist! Geht dorthin, wo es auf komplizierte Fragen keine einfachen Antworten gibt! Sammelt Argumente, Expertise, Know-How. Und erzählt euren Shit denjenigen, die wirklich etwas damit anfangen können. Das heißt ja nicht, dass man auf die gepflegte Auseinandersetzung zwischendurch verzichten muss. Aber wenn das Gegenüber in der Kneipe vorher in der Bezahlsektion der FAZ unterwegs war, und man selbst gerade einen Jungle-World-Artikel gewälzt hat, jeder ein kleines bisschen Ideologie und das richtige Maß an nicht-alternativen Fakten parat hat, dann kann etwas entstehen, was in Vorschnappatmungszeiten einmal völlig selbstverständlich war: Ein gutes Gespräch.
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]]>Der Beitrag Fake-News: Die Wahrheit in der Krise erschien zuerst auf Dossier-Digital.
]]>Wer seinen täglichen Bedarf nach Informationen stillen möchte, kann dies morgens nach dem Aufwachen schnell und effizient erledigen. Sobald man es mit zittriger Hand bewerkstelligt hat, sein mobiles Endgerät erfolgreich aus der Matratzenkuhle zu fischen, erfolgt umgehend der erste Blick auf den Top-Nachrichtenaggregator Facebook. Ein paar Scroll-Bewegungen reichen aus, um einen schnellen Überblick darüber zu gewinnen, was in der Zeit der eigenen Nachtschlafenheit auf der Welt passiert ist. Neben der Nachricht “Eine Katze fällt in den Luchs-Käfig. Die Reaktion der Katze hat weltweit für Fassungslosigkeit gesorgt.”, die man, ohne der Katze unrecht zu tun, mental unter der Kategorie “Boulevard” ablegen kann, taucht im eng auf die eigenen Bedürfnisse des Users zugeschnittenen Newsfeed auch allerlei politisches und gesellschaftskritisches auf. Der Tenor ist dabei oft der gleiche: Putin ist cool; Menschen mit Migrationshintergrund hegen dubiose bis böse Absichten; die Eliten verkaufen uns für dumm; Kinder der 90er sind die einzigen, die sich an das erinnern können, was nur Kinder der 90er interessiert; Merkel und Gabriel wollen CETA im EU-Parlament durchpeitschen; Cristiano Ronaldo ist voll arrogant, und so weiter, und so fort.
Nachdem der kurze, rasante Nachrichtencheck vorbei ist, ist es Zeit, innezuhalten und die erworbenen Informationen zu verarbeiten. Merkel und Gabriel peitschen CETA durch das EU-Parlament? Können die das? Dürfen die das? Die Meldung klingt brisant. User klickt. Publiziert wurde der Artikel von der Nachrichtenplattform “Deutsche Wirtschafts Nachrichten”. Das News-Portal mit der phantasievollen Rechtschreibung im Titel beschreibt darin, dass die beiden größten Fraktionen im EU-Parlament, EVP und Sozialdemokraten, das Handelsabkommen CETA im Eilverfahren durch das EU-Parlament bringen wollen und sich Vertreter der Opposition – durchaus zurecht – übergangen fühlen. Der kurze Text ist ein netter, wenn auch nicht brisanter Artikel über die Mechanismen und Kräfteverhältnisse im EU-Parlament, dem aber eines fehlt: Der versprochene Inhalt. Die Namen Merkel und Gabriel tauchen – abgesehen von der Überschrift – nämlich an keiner einzigen Stelle auf. Eine Verbindung zwischen der Bundesregierung und den Fraktionen im EU-Parlament mag es zwar zweifelsfrei geben, doch dass die beiden Spitzenpolitiker einen derart direkten Einfluss auf die Entscheidungen des EU-Parlamentes ausüben können, indem sie einzelne Projekte gar “durchpeitschen”, konnte in diesem Fall doch zumindest bezweifelt werden. Den Machern der deutschen Wirtschaftsnachrichten kann dies hingegen egal sein. Die Message ist platziert, die meisten User dürften sich den Artikel ohnehin nicht durchgelesen haben. Die Überschrift taugt dazu, fleißig geteilt zu werden und die kollektive Skepsis gegenüber einem angeblich korrupten Establishment eine Nuance weiter zu schärfen. Job done. Bleibt noch die Frage: “Dürfen die das?”
Die kurze Antwort: Ja, sie dürfen. Denn obwohl die verwendete Überschrift zumindest streitbar ist, ist die Frage, ob sie auch wirklich “wahr” oder “falsch” ist, zumindest Definitionssache. Die “DWN” bringen keine Falschmeldungen. Kaum einer würde darauf kommen, die Artikel des Magazins als Lüge zu bezeichnen oder gar bei Facebook anzuschwärzen.
Mehr Infos über die Vorgehensweise der Deutschen Wirtschafts Nachrichten hat Rayk Anders vor zwei Jahren in diesem Video zusammengetragen:
Das Beispiel illustriert die Problematik in der Debatte um sogenannte “Fake-News”, die angeblich in der Lage sein sollen, ganze Wahlen zu entscheiden, und die Facebooks smarten CEO gerade merklich in Verlegenheit bringen.
Auf der nächsten Seite: Welche Möglichkeiten Facebook wirklich hat und wo die Verantwortung der User liegt.
Gerade mal ein Prozent der Nachrichten auf Facebook seien gefälscht, sagte jüngst Mark Zuckerberg, als er sich nach der Trump-Wahl der heftigen Kritik stellte. Obwohl er für die Zahl keinen stichhaltigen Nachweis lieferte, könnte er trotzdem – zumindest im Ansatz – Recht haben.

Denn obwohl sich die Kommentatoren aus dem unterlegenen Lager aktuell darin überbieten, dem größten sozialen Netzwerk die Schuld am Ausgang der US-Wahl zu geben, wurde diese nicht dadurch entschieden, dass eingeschworene Trump-Anhänger die abstrusesten Falschmeldungen teilten und sich gegenseitig in ihrer Haltung bestärkten. Nur ganz wenige Wähler dürften angesichts von Nachrichten wie “Hillary Clinton liefert Druckmaschinen für Reisepässe an den IS” (gelesen auf der Satireseite http://www.realtruenews.org/ ) ihre Wahlentscheidung noch einmal überdacht haben. Fake News taugen ideal dafür, sich die eigene Social-Media-Filterblase noch ein bisschen gemütlicher zu machen, die eigenen Haltung zu manifestieren und sich jeden Tag ein bisschen mehr von dem zu entfernen, was man einst “Diskurs” nannte. Mache Facebook zu deinem Facebook.
Auf der öffentlichen Agenda sind Fake-News trotzdem gelandet. Spätestens als eine Nachricht über den angeblichen Tod von Marc Zuckerberg auf Facebook hunderttausendfach geteilt wurde, gelobte der CEO Besserung und kündigte an, Maßnahmen gegen Fake-News zu “prüfen”. Das Thema sei allerdings „technisch und philosophisch hochkomplex“. Facebook arbeite aber intensiv daran, die falsche Propaganda zu minimieren.
Was das soziale Netzwerk unter “intensiv” versteht, konnte man diese Woche wieder wunderbar beobachten, als es stolze drei Tage dauerte, ein falsches Zitat der Grünen-Politikerin Renate Künast im Zusammenhang mit der Mordtat von Freiburg zu löschen („Der traumatisierte Junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen“). Seitdem sind wir um ein Beispiel für die laxe Löschungspolitik von Facebook reicher.
Nichtsdestotrotz bewerteten viele Beobachter Zuckerbergs Statement als Schuldeingeständnis, die “Welt” sprach gar von einer “Rolle rückwärts” des Top-Managers. Wer angesichts dieser Aussage auf eine Besserung der publizistischen Qualität in dem sozialen Netzwerk hofft, liegt trotzdem falsch. Zuckerbergs Aussage war weniger ein “mea culpa” als vielmehr eine Kapitulation vor den Realitäten. Alleine die “philosophische Komplexität” dürfte sich als unüberwindbar erweisen. Denn wer zweifelsfrei Falschmeldungen aus dem Internet verbannen will, muss zunächst einmal die Definitionshoheit darüber erlangen, was denn als “wahr” und als “falsch” einzustufen ist – eine Frage, die auch ein philosophisches Proseminar nicht zweifelsfrei beantworten kann.
Wer sich einmal die Mühe macht, mögliche Handlungsoptionen des Unternehmens durchzuspielen, der wird merken, dass der Spielraum, sehr, sehr begrenzt ist:
Ein automatisiertes Löschen von Fake-News wird und kann dabei schon mal nicht die Lösung sein, da dadurch auch zwangsläufig “wahre” Postings durch das Raster fallen würden. Algorithmen können viel, die sinngemäße Interpretation von Sprache gehört allerdings nicht zu ihren Stärken. Eine ironische Bemerkung ist schließlich kein Nippel. Entrüstung und Zensurvorwürfe wären angesichts fälschlicher Löschungen vorprogrammiert.
Womöglich wäre das Modell “Wikipedia” eine Option, also die Schaffung einer erhabenen, sich selbst kontrollierenden Community aus verifizierten Autoren mit festen Spielregeln, deren Diskussionskultur sich entlang echter Argumente ausrichtet. Aber ob ein pensionierter Erdkundelehrer wirklich Lust dazu hat, sich mit dem Wahrheitsgehalt von Facebook-Seiten wie “Frauen mit Stil hinterlassen Kratzspuren, keine Knutschflecke” auseinanderzusetzen, gilt keinesfalls als sicher.
Als Alternative bietet es sich zudem an, auf die “Crowd” zu vertrauen, die zweifelhafte Inhalte bitte melden möge. Doch sollen die User dabei gleich den Grund inklusive stichhaltiger Argumente mitliefern, oder hängt die finale Entscheidung letztlich von einem Facebook-Mitarbeiter ab, der die gemeldeten Inhalte überprüft? Die Wahl fiele wohl auf Variante 2, womit wir wieder beim Status Quo wären.

Es bleibt also bei dieser einzigen Option: Wenn Facebook den Kampf gegen die schleichende Postfaktisierung (obacht: Neologismus) der eigenen Seite aufnehmen will, muss das Unternehmen in mehr Personal investieren, das jeden einzelnen Vorwurf prüft, bewertet und gegebenenfalls löscht – und das auch noch innerhalb eines vertretbaren Zeitfensters. Dafür braucht man Mitarbeiter, die journalistisches Know-How mitbringen und ähnlich dem Vorgehen in modernen Nachrichtenredaktionen schnelles, aber trotzdem professionelles Fact-Checking betreiben können. Das kostet, ist langfristig aber die einzige Alternative.
Fake-News werden wohl nur kontrollierbar werden, wenn sich innerhalb des Unternehmens ein Strategiewechsel einstellt und sich die Plattform als das begreift, was sie schon lange sein will: Ein Nachrichtenaggregator. Die weit billigere Alternative wäre, alles so zu belassen, wie es ist. Der Schaden, der dabei entstünde, wäre allerdings irreparabel. Das Problem wären nicht unbedingt die vielen Rechtsstreitigkeiten mit Opfern von “Fake News”, sondern ein langfristiger Reputationsverlust, der heute schon eingesetzt hat.
Nun stellt sich noch die Frage: Was soll der gemeine Medienkonsument denn nun tun? Warten, bis sein Lieblingsnetzwerk die eigene Selbstreinigung vollzogen hat? Wird dauern. Darauf vertrauen, dass einem die Institutionen schon sagen, welches Medium vertrauenswürdig ist? Geht nicht, Demokratie und so. Wieder analog werden und zur “Hallertauer Zeitung” greifen? Kostet leider.
Ein guter Ansatz wäre vielmehr, einfach wieder das zu tun, was in Zeiten eines direkteren bzw. unmittelbaren Medienkonsums Gang und Gäbe war: Das Gelesene aufnehmen, einordnen, kritisch bewerten und mit anderen Quellen vergleichen. Oder noch tollkühner: sich bewusst zu machen, dass Nachrichtenformate immer auch Tendenzbetriebe sind, mit eigenen Interessen und Meinungen, die sich häufig aber immer noch an das halten, was einst als “journalistische Redlichkeit” bezeichnet wurde. Der Pressekodex mag seine Schwächen haben, Argumente für eine fundiertere Medienkritik liefert er allemal. Und das Beste: Dieser Kriterienkatalog ist auf alles anwendbar, was irgendwo publiziert wird, egal ob es um sich um einen Artikel der “Mainstream-Presse” oder um Publikationen wie Compact, Russia Today, Breitbart News o.Ä. handelt. Vielleicht, aber nur vielleicht führt am Ende ja die Auseinandersetzung mit journalischen Gütekriterien auch dazu, die eigenen Nachrichtenquellen zu hinterfragen. Völlig wertfrei natürlich.
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]]>Wollen Computerspieler Qualität? Alleine das Stellen einer solchen Frage wäre noch vor zwanzig Jahren eher absurd gewesen. Selbstverständlich sollte damals ein Spiel weitgehend ruckelfrei, ohne Werbung und ohne ständige Unterbrechungen laufen. Schließlich hat man damals noch Geld bezahlt. Viel Geld. Für einen Kaufpreis von 50 Euro aufwärts erwarteten Spieler nicht weniger als kleine Blockbuster zum selbst Erleben. Gaming war in der alten Welt noch die Domäne einer eher kleinen Community. Diese qualifizierte sich mit hohen Eingangsinvestitionen (etwa dem Kauf einer teuren Konsole) dafür, den Zweiten Weltkrieg zu entscheiden, Schätze zu bergen, eine der nächsten Zombieapokalypsen zu überleben, oder mit dem SV Wacker Burghausen die Champions League zu gewinnen. Spieleentwickler kannten ihre Zielgruppe und wussten um deren Kaufbereitschaft – wenn nur die Qualität stimmte.
Diese stille Übereinkunft existiert heute nicht mehr, dem mobilen Internet sei dank. Mit dem für jeden Menschen obligatorischen Besitz eines Smartphones kann heute jeder zum Gamer werden. Das hat Folgen, auch für die Anbieter: Hersteller von Mobile-Games zielen heute mit der Gießkanne auf ihre Zielgruppe und stellen die meisten ihrer Spiele kostenlos zur Verfügung. Der Vorteil für die Entwickler: Wer nichts bezahlt, erwartet weniger. Da darf es schon auch mal eine Beta-Version sein, die ab und zu mal abstürzt, schließlich sorgen die regelmäßigen Updates ja für konstante Verbesserung.
Auch Umsatz lässt sich mit kostenlosen Spielen vortrefflich erzielen: Das funktioniert einerseits durch die im Spiel platzierte Werbung, die sich hin und wieder als statisches oder bewegtes Bild auf das kleine Display schleicht und dem Spieler die Trauer über seinen letzten virtuellen Tod mit individuellen Produktinformationen versüßt, zum anderen aber auch über sogenannte “In-Game-Käufe”, die vor allem in Rollen- oder Strategiespielen beliebt sind, weil sie dem Nutzer im Austausch gegen ein paar Euro helfen, seine Charaktere und Armeen etwas schneller hochzuleveln, als es seine Gegner ohne Einsatz von Geld schaffen würden. Harte Währung schafft Vorteile im Spiel. Das Zauberwort dabei lautet: Freemium, eine Zusammensetzung aus “Free” und “Premium”.
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]]>Beta Republik Deutschland. Auf ihrem vergangenen Parteitag erhob die FDP die Gründerkultur als erste Partei auf die politische Agenda – und kultivierte nebenbei (sorry liebe Liberale, aber das ist nun mal der korrekte Terminus) das Deppenleerzeichen, indem sie die Betarepublik in der oben genannten Schreibweise ausrief. Das ist aber nicht weiter schlimm, schließlich geht es ja darum, unsere Wirtschaft in ein neues, hippes Gewand zu kleiden, da schadet eine kleine Anlehnung an die T9-Grammatik unserer Smartphones genauso wenig, wie die Besetzung der neuen Begriffe des digitalen Zeitalters. Gründergeist, Kultur des Scheiterns, disruptive Geschäftsmodelle, Steve Jobs, das “Valley”, usw. – es gibt unzählige Trigger, um das Gründerherz zum Leuchten zu bringen.
Allein die Wahl der Begrifflichkeit im neuen liberalen Programm bedeutet einen Paradigmenwechsel. Beta, das bedeutet ständige Erneuerung, Trial-and-Error, schneller Release statt ewige Produktreife. Beta ist verrückt, Beta ist gewagt, ist wild und riskant. Einfach mal machen, statt ewig am Reisbrett sitzen, so soll demnach unsere ökonomische Zukunft aussehen. Tolle Worte, mit denen sich auch wunderbar ein Artikel in einem digitalen Magazin wie diesem füllen ließe, ohne im Grunde etwas Neues sagen zu müssen.
Denn die traurige erste Wahrheit über die hiesige Start-Up-Szene ist auch: mitreden kann jeder, und das nicht allzu schlecht. Das Rüstzeug in Form eines Leuchtens in den Augen, dem richtigen Vokabular und eines einigermaßen leistungsfähigen Mac-Books ist schnell erworben, in einem der zahllosen Entrepreneurship-Seminare auf deutschen Universitäten gibt es zusätzlich das nötige Basiswissen in Form von SWOT-Analysen, um als Gründer durchzustarten. Wer mit Vertretern der Gründerszene spricht, stößt auch leider allzu häufig auf diese immergleichen Phrasen, die sich zumindest im Grenzbereich zwischen Wirtschaft und Esoterik bewegen. Es sind Phrasen, die ein Muster haben: selten geht es um das Produkt eines Unternehmen, sondern meist um das “Business” selbst, um Geschäftsmodelle, Skalierbarkeit, Finanzierung, “Spirit” und den oft ersehnten Exit, also den Verkauf des hoffentlich in ein paar Jahren erfolgreichen Unternehmens. Das Produkt rangiert eher auf den hinteren Plätzen im Prioritätenset vieler Gründer. Das verleitet zu einem Verdacht: sind die Vertreter unserer Gründerszene gar keine genialen Garagentüftler, sondern allesamt im Mikroökonomieseminar gestählte Unternehmensberatertypen?

Der Wunsch nach Selbstständigkeit ist unter den deutschen Studierenden heute ausgeprägter als früher. Das liegt zum einen daran, dass die beruflichen Möglichkeiten nach dem Abschluss heute keineswegs so sicher sind wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Wo bisher ein Studium, egal welcher Art, eine fast sichere Eintrittskarte in eine erfolgreiche Karriere darstellte, ist es heute weit schwieriger, einen Job zu ergattern. Warum also nicht gleich selbst etwas auf die Beine stellen?
Als weiterer, nicht zu unterschätzender Punkt, gelten heute die viel niedrigeren Zugangsbarrieren in die Selbstständigkeit: oft reichen eine Idee und ein Laptop, schon kann das Start-Up loslegen. Dass die zweite These nicht ganz falsch sein könnte, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Die deutliche Mehrheit der Start-Up-Unternehmen ist laut dem letzten “Start-Up-Monitor” der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in den Bereichen Softwaredienstleistungen, E-Commerce-Plattformen, Onlinemarktplätze, oder in ähnlichen Sektoren beheimatet. Die Start-Up-Pioniere bewegen sich also – verständlicherweise – in einem Metier, das sie verstehen und in ihrer Rolle als Konsument kennengelernt haben: in der Welt der Online-Lieferdienste, Schuh-Shops und Organizer-Software, in der die eigene Plattform nur um eine Nuance effektiver sein muss als die vorausgegangene der Konkurrenz. Dass ein Online-Shop dabei getrost die Kopie eines anderen sein darf, ist selbstverständlich. Effektivität geht meist vor Originalität. Die Identifikation mit dem eigenen Produkt ist niedrig, Monetarisierung und Wachstum sind dagegen die dominanten Faktoren. In den Finanzierungsplänen der Venture-Capital-Unternehmen, die laut KPMG-Studie bei immerhin einem Fünftel der Start-Ups als Investoren aktiv sind, ist die Exit-Phase fester Bestandteil des Finanzplans. Wer sich als Gründer für diese Art der Fremdfinanzierung entscheidet, darf also nicht zu sehr an seiner Geschäftsidee hängen.
Der Grund für die oft sehr utilitaristischen Geschäftsmodelle ist im Alter des Typus “Gründers” zu suchen, der oft schon während seines Bachelorstudiums sein erstes Unternehmen auf die Beine stellt und dadurch nur bedingt Experte in einer über Jahrzehnte gewachsenen Branche wie der fertigenden Industrie oder dem Maschinenbau sein kann. Echte technische Neuerungen brauchen hingegen Know-How, teure Prototypen, hohe Eingangsinvestitionen und nicht selten das akademische Rüstzeug in Form eines Doktortitels, um bahnbrechenende Neuerungen herbeizuführen. Substanz braucht Ausdauer. Für hochqualifizierte Fachkräfte vor allem aus technischen Studiengängen sind außerden die lukrativen Gehälter in DAX-30-Unternehmen ein weiterer Hinderungsgrund, den Gang in die Selbstständigkeit überhaupt nur zu erwägen. Es ist also völlig natürlich, dass Start-Ups eher von jungen, ambitionierten Persönlichkeiten aus den “weichen” Studienfächern gegründet werden – zu Lasten von Substanz und Expertise in der Start-Up-Szene insgesamt.
Der neueste Neologismus der Start-Up-Szene, die seit dem letzten Jahr aggressiv proklamierte Forderung nach einer “Kultur des Scheiterns” gehört zum anständigen Werteportfolio eines jeden Gründers. Sie ist ein notwendiges Korrektiv der Start-Up-Szene, in der Gründung und Aufgabe einer Unternehmung so eng beieinander liegen in einer Branche, die zu einem bedeutenden Teil von der positiven Einstellung ihrer Unternehmen lebt und in der die Gründung als Selbstzweck die wichtigste Eigenschaft ist. Die Kultur des Scheiterns, die mittlerweile in eigenen Veranstaltungen, den sogenannten Fuck-Up-Nights, zelebriert wird, ist das Schmiermittel einer Wirtschaft, in der große Inkubatorfirmen das Scheitern als festen Bestandteil des eigenen Geschäftsmodells kultivieren.
Große Investoren, Venturegesellschaften und Inkubatoren kalkulieren mit dem erhöhten Risiko und federn daraus entstehende Verluste mit den wenigen erfolgreichen Unternehmen in ihrem Portfolio ab. Das System Gründerszene reproduziert sich ständig selbst und ist auf die “Wiederholungstäter”, die nach dem “Trial-and-Error”-Prinzip ein Start-Up nach dem anderen gründen, angewiesen. Diese tragen indes das Hauptrisiko. Denn wer einen Großteil seiner beruflichen Laufbahn damit verbringt, eine Online-Vermittlungsplattform nach der anderen hochzuziehen, zahlt dementsprechend weniger Sozial- und Rentenbeiträge und geht ein erhöhtes Risiko ein, später in Altersarmut zu landen. Bereits 2013 zeigte eine Allensbach-Studie der Postbank, dass nur knapp ein Viertel der Selbstständigen in Deutschland privat vorsorgen. Aus Trial-and-Error könnte so am Ende ein großes “Error” werden.

Deutschland braucht Start-Ups. Nicht zuletzt im Kontext der Automatisierung und der Industrie 4.0 wehen die kleinen, agilen Unternehmen frischen Wind in eine Wirtschaft, die sich mitten in der digitalen Transformation befindet. Start-Ups schaffen neue Anknüpfungspunkte für alte, starre Branchen. Start-Ups können Software, und Softwareprodukte werden das Zünglein an der Waage bei der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung sein. Deutschland braucht gute Ideen, die die Industrie beleben. Gute Ideen werden es immer wert sein, den Gang in die Selbstständigkeit zu wagen und werden immer die nötige Finanzierung finden. Ideen und technisches Know-How werden auch in der “Betarepublik” Erfolgsfaktoren sein, die den Nährboden für eine erfolgreiche Start-Up-Szene bilden. Wer diese Grundvoraussetzungen nicht mitbringt, sollte sich nach der nächsten “Fuck-Up-Night” umsehen.
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]]>Der Beitrag [Kommentar] Europa nach dem Brexit – Primat der Politik erschien zuerst auf Dossier-Digital.
]]>Nun ist es passiert: Aus Parteipolitik wurde Ernst. Ein eigens zum Zweck der Einigung der britischen konservativen Partei initiiertes Referendum gerät nun zum Worst Case in der Geschichte der europäischen Integration.
Am 23. Juni entschieden sich die Briten mehrheitlich dafür, die EU zu verlassen. Die Entscheidung wird zuallererst die Briten noch lange Zeit beschäftigen. Wie soll der Ausstieg konkret ablaufen? Wer wird in dieser Zeit das Sagen haben? Was passiert mit Schottland und Nordirland? Aber vor allem: Wieviel Europa dürfen die Briten behalten? Womöglich wird man in ein paar Jahren die Nostalgiker (oder heißt es dann: “Eustalgiker”?) sagen hören: Es war nicht alles schlecht in dieser EU! Zum Beispiel der gemeinsame Binnenmarkt, Zollfreiheit, freier Waren- und Reiseverkehr, Subventionen für Landwirtschaft und Strukturförderung. Ein bisschen was ist doch auch zurückgekommen aus der verhassten EU. Einige, wenn nicht alle dieser Punkte werden im Zuge der Brexit-Verhandlungen zur Disposition stehen.
“Vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm”, das dürfte gerade die Hoffnung vieler Brexit-Befürworter sein. Selbst der offizielle Club der Euroskeptiker, die Farages, Le Pens und Wilders’ sprechen ja immer davon, die EU als Wirtschaftsunion in Freiwilligkeit und Regionalität erhalten zu wollen. Der Binnenmarkt ist toll, schlecht sind nur die “Eliten” in Brüssel und ihre aufgeblähten Gesetzeskonstrukte, die jeden Tag unseren inneren Patrioten ärgern wollen. Wirtschaftsunion ja, politische Union, Währungsunion oder – Gott bewahre – Sozialunion nein!
Und ja, der Binnenmarkt steht nicht automatisch zur Disposition. Vielleicht wird es ja wirklich nicht so schlimm. Auch die übrigen EU-Staaten können ein Interesse an einer “sanften” Loslösung der Briten von der EU haben. Im Rahmen der Verhandlungen könnten Übergangsregelungen für den freien Warenverkehr und den freien Dienstleistungsverkehr getroffen werden mit dem Ziel, die wirtschaftlichen Effekte, die schon am Morgen nach der Abstimmung deutlich spürbar waren – Pfund kaputt, Euro angeschlagen, DAX down –, noch deutlich abmildern zu können.
Laut Tagesschau wünschten sich auch viele Brexit-Anhänger auf wirtschaftlicher Ebene weiterhin eine enge Zusammenarbeit und sind Befürworter des „Gemeinsamen – europäischen – Binnenmarkts“.
Die Verantwortlichen in Brüssel haben nun die Wahl zwischen Pest und Cholera. Harte Linie gegenüber Großbritannien mit maximalen Forderungen an der “Binnenmarkt”-Front – eine Linie, die unseren europäischen Grundwerten DAX und Euro noch einige Zeit hart zusetzen wird. Oder eine “Es-bleibt-alles-so-wie-es-ist”-Taktik, einen Brexit light, der im Schonprogramm die Briten von ihren Pflichten entbindet, ohne ihnen die meisten ihrer Privilegien zu verwehren. Vorbilder wären hier etwa die Schweiz oder Norwegen – mit dem Unterschied, dass diese Staaten nie Teil der EU waren.

So oder so: Die Brexit-Verhandlungen werden zur Grundentscheidung für die europäische Union werden. Hatte Brüssel schon im Vorfeld den Ruf, ein reiner Lobbyistenspielplatz zu sein, in dem die Sensibilität der Märkte den einzigen Antrieb politischen Gestaltungswillens darstellt, kann nun nicht mehr ohne weiteres mit Devisen, Indizes und Konjunkturdaten argumentiert werden.
Es stimmt zwar, dass uns marktbewusstes Handeln auch künftig wohl vor den gravierendsten Erschütterungen bewahren wird. Marktstabilität ist auch politische Stabilität, nicht zuletzt in den einzelnen Mitgliedsländern.
Doch zugunsten dieser kurzfristigen Stabilität wäre die Abrechnung am Ende gravierend.
Sie käme nicht gebündelt, sondern in Raten: Denn wenn der Brexit das Signal sendet, dass ein Verlassen der EU mit einem Verbleib im europäischen Wirtschaftsraum ohne große Einbußen möglich ist, wäre das der Anfang vom Ende. Rechtspopulistische und euroskeptische Parteien in vielen Ländern warten bereits mit gezücktem Notizbuch auf die Brexit-Verhandlungen, um ihr Arsenal an Argumenten mit den entscheidenden Sätzen aufzustocken. Das Signal würde lauten: Europäische Integration ist umkehrbar. Jeder Staat kann selbst entscheiden, wie viel Europa er möchte. Würde dieser Gedanke am Ende salonfähig, er gefährdete die EU in ihrem Innersten.
Die künftigen Monate werden spannend. Die Brexit-Verhandlungen werden offenlegen, welches System in der EU das Sagen hat. In der Politikwissenschaft gibt es den Begriff des “Primats der Politik”. Dieser meint den “grundsätzlichen Vorrang demokratisch legitimierter Instanzen, die über die Gestaltung der sozialen und ökonomischen Lebensbedingungen entscheiden”, sprich:
Die Politik, nicht der Markt, soll das Sagen haben. Sie muss klare Leitlinien und Spielregeln definieren.
Die EU muss das Primat der Politik für sich entdecken. Nur wenn die europäischen Instanzen die Wirtschaftsunion künftig noch stärker an die politische Gemeinschaft koppeln, kann die europäische Gemeinschaft auch als gemeinsamer Wirtschaftsraum erhalten werden. Denn ein loser Verbund, ein “Europa der Nationen”, wie es sich die Rechtspopulisten wünschen, würde bei der erstbesten Erschütterung in sich zusammenfallen. Abschottung wäre die Antwort auf alle kommenden Krisen.
Und so ist der Brexit die große Chance für Europa insgesamt. Meinen wir es ernst mit der Union? Dann brauchen wir mehr Integration und klare, auch politische Spielregeln. Wollen wir nur einen freien Binnenmarkt? Vergesst es! Dieser wäre so krisenanfällig wie die Wirtschaft selbst. Er würde mit der Zeit immer instabiler werden und am Ende zum Freihandelsabkommen verkommen.
Insgesamt haben so die europäischen Politiker im Rahmen der Brexit-Verhandlungen vor allem einen Auftrag: Politiker zu werden.
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]]>Kurzerhand entschloss er sich also, die Party spontan in den nahegelegenen Bois de Boulogne, einen Park im 16. Pariser Arrondissement, zu verlegen: Ein Picknick unter freiem Himmel, völlig spontan und in prominenter Gesellschaft – ein exklusiver Heidenspaß, der ein voller Erfolg wurde. Denn der spontane Akt bildete von da an den Auftakt zu einer in den Folgejahren jährlich im Juni stattfindenden Veranstaltung, dem “Diner en blanc”, also dem Essen in Weiß, dessen Fangemeinde in der Folge immer größer wurde und dessen einzige Regel die Besucher verpflichtete, sich von Kopf bis Fuß in weiß zu kleiden. Das “Diner en blanc” wurde so zum Flashmob, bevor es Flashmobs gab. Das Erfolgsrezept der Veranstaltungen ist bis heute vor allem deren Exklusivität. Ort und Zeit der Picknicks werden immer erst kurz zuvor bekanntgegeben. Nur wer gut vernetzt ist und “einen kennt, der einen kennt”, kann an dem weißen Spektakel teilnehmen.


Doch bei der Beliebtheit solcher Events beginnt auch das Problem: Veranstaltungen sind Kultur, und Kultur kann exportiert und kopiert werden. Im Falle des “Diner en blanc” dauerte es nicht allzu lange, bis sich erste Ableger im Ausland bildeten und die Tradition auch irgendwann nach Deutschland schwappte. Das erste deutsche “Diner en blanc” fand im Jahr 2010 in Berlin am Bebelplatz statt und zog circa 400 Teilnehmer an. Im selben Jahr fanden sich knapp 500 Weißgekleidete im Münchner Hofgarten ein. Seit fünf Jahren sind die Picknicks feste Institutionen an vielen Orten, bei denen sich hier und da höchstens mal der Name ändert. Mit der Kopie hat sich auch die Machart geändert: statt über persönliche Netzwerke verabredet man sich heute vor allem über Facebook. Die vormals “spontanen” Events lassen sich damit wunderbar planen und durchchoreographieren, sodass jeder Ausbruch spontaner Kreativität bereits im Keim erstickt wird. Die Planbarkeit des Spontanen ist ohnehin eine besonders schöne Eigenschaft sozialer Netzwerke.
Das Internet ermöglicht allen Usern auf der Welt, von bestimmten lokalen und regionalen Besonderheiten zu erfahren und diese in ein öffentliches Licht zu rücken. Events wie das “Diner en blanc” finden auf diese Weise sehr schnell Fans und Anhänger aber auch Plagiateure in anderen Ländern. Eine Besonderheit von Fans ist vor allem, dass sie dazu bereit sind, Geld für etwas zu bezahlen, um daran zu partizipieren.
Ab hier beginnt das Dilemma: dort wo Menschen Geld ausgeben wollen, gibt es immer auch die Möglichkeit, Profite zu machen – im Falle des “Diner en blanc” sind es große Marketing- und Eventagenturen, die aus den vormals aus einer Basisbewegung entsprungenen Events ein profitables Geschäftsmodell entwickeln.
Vor zwei Jahren war es dann soweit: Die Agentur “Roewer-Berlin UG” veranstaltete im Jahr 2014 unter dem Motto „München White – Dinner with friends“ ihr erstes weißes Picknick. Die Marketingprofis schöpften dabei das ganze Arsenal ihrer Social-Media-Abteilung aus und schafften im Internet eine pseudo-exklusive Kulisse inklusive Geheimniskrämerei und Spannungsaufbau. Der Preis pro Ticket betrug 39,99 Euro, Essen konnte – entgegen der ursprünglichen Idee – auch von einem ansässigen Caterer erworben werden. Die Lokalität war aufgrund von Streitigkeiten mit der Stadt zwar weniger attraktiv als ein Pariser Park (das Diner musste auf einer Galopprennbahn vor den Toren Münchens stattfinden), aber wenigstens war durch den hohen Eintrittspreis die nötige Exklusivität gegeben, um der Münchener Schickeria einen schönen, weißen Abend zu bereiten. Letztlich wirkte die Veranstaltung aber gerade wegen der straffen Organisation und der professionellen Werbung der Veranstalter sehr gewollt und wenig spontan. Die Agentur, die das Dinner laut eigener Website in insgesamt elf Städten anbietet, hat es damit geschafft, aus einem Pariser Charakteristikum ein gleichgeschaltetes Happening zu machen, das sich in seiner Machart nicht mehr von anderen kommerziellen Festivals unterscheidet.

Der französische Anthropologe Marc Augé entwickelte im Jahr 1992 den Begriff des “Nicht-Ortes” und beschrieb damit Orte, die überall gleich aufgebaut sind und sich durch das Fehlen von Geschichte und Identität, sowie durch eine “kommunikative Verwahrlosung” auszeichnen. Nicht-Orte, das sind Fast-Food-Filialen, Autobahnen, Einkaufszentren. Die Marketingagenturen, die gerade versuchen, ortstypische Veranstaltungen zu kopieren, machen ein Event damit zu einem “Nicht-Event” und schaffen es so im Austausch gegen ein paar Euro, über Jahre und Jahrzehnte gewachsene kulturelle Institutionen zu entwerten und zu verhökern.
Ein weiteres, besonders prominentes Opfer des Event-Kidnappings ist beispielsweise das bunte Holi-Festival, das alljährlich in ganz Indien stattfindet, und bei dem es darum geht, den Frühling mit bunten Farben werfend zu begrüßen. Indien? Farben? Party? Das muss doch auch bei uns funktionieren! So in etwa könnte der Gedankengang bei einigen findigen Agenturprofis ausgesehen haben, als im Jahr 2012 die Berliner “Holi Concept GmbH” das Festival auch in Deutschland an den Start brachte – nicht, ohne ein paar Änderungen am klassischen indischen Konzept vorzunehmen. Die musikalische Untermalung wird bei dem Spektakel nämlich von professionellen DJ´s übernommen, die von den Besuchern zu werfende Farbe kann nur vor Ort gegen ein paar Euro erworben werden – zusätzlich zum Eintrittspreis von über 20 Euro. In Deutschland finden jährlich über 30 “Holi Festival of Colours” statt, die bunten Feten sind beim Publikum beliebt, schließlich hat das Fest ja etwas mit Indien zu tun und ist die ideale Gelegenheit, die eigene Weltoffenheit angemessen zu zelebrieren.

Es gibt etliche weitere solcher Beispiele, von der jüngst aus Thailand importierten Full-Moon-Party bis zum seit einigen Jahren stattfindenden Oktoberfest in Shanghai.
Das Phänomen ist dabei nichts neues: beliebte Veranstaltungen haben schon immer Ableger in anderen Ländern gefunden. Was sich geändert hat, ist aber die Schlagzahl, mit der kulturelle Institutionen in andere Länder exportiert werden. Die in Echtzeit verfügbaren Informationen in sozialen Netzwerken führten auch zu einer Steigerung der Bekanntheit weltweiter Events – findige Unternehmer müssen im Grunde nur den richtigen Riecher haben, und zur richtigen Zeit die richtige Party veranstalten.
Dass solche Veranstaltungen mitunter auch recht seltsam anmuten können, wird dabei in Kauf genommen. Ein Picknick unter freiem Himmel, bei dem alle weiß gekleidet sind, entfacht in Frankreich eine völlig andere Wirkung, als in einer deutschen Großstadt, wo ein solches Maß an Einheitlichkeit bisweilen ein bisschen befremdlich anmuten könnte. Manche Passanten dürften sich unfreiwillig an das Buch “Die Welle” erinnert haben, in dem ein Lehrer im Rahmen eines Experimentes einen Mini-Faschismus in der eigenen Schulklasse einführt und die Schüler zum Tragen von Einheitskleidung in Form von weißen Hemden auffordert.
Einheitlichkeit? In Deutschland keine sooo gute Idee.
Feiern macht Spaß, und dieser Artikel ist keineswegs eine Aufforderung, damit aufzuhören. Es muss auch nicht immer “typisch” oder “originell” sein. Auch auf Parties von Eventagenturen lässt sich wunderbar Spaß haben. Es kann aber – liebe Feiernde – auch nicht schaden, bisweilen zu hinterfragen, ob ein als kulturell wertvoll bzw. “weltoffen” geltendes Event nicht doch einfach nur eine große, vereinheitlichte Marketingsoße ist, austauschbar, beliebig und letztlich nichts besonderes. Kultur entsteht und entstand immer aus der Mitte der Gesellschaft, in der Feste gefeiert werden wie sie fallen, und nicht, wie sie einer Kosten-Nutzen-Rechnung entspringen. Oft reicht schon ein schöner Abend mit den richtigen Leuten, um eine neue kulturelle Institution entstehen zu lassen. Denn wenn Francois Pasquier seinen Sommerabend auf einem Holi-Festival verbracht hätte, statt seine kleine Soiree zu geben, dann es gäbe heute vermutlich auch kein “Diner en Blanc”.
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