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Technikglaube als Ersatzreligion: Elon macht das schon!

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Technikglaube als Ersatzreligion: Elon macht das schon!

Religion und politische Ideologien spielen im Leben der Menschen kaum mehr eine Rolle. Damit wir unsere allgemeine Ratlosigkeit trotzdem irgendwo abladen können, haben wir eine neue Form des Fanatismus entdeckt: Die Technophilie, also den unbedingten Glauben daran, dass die großen Tech-Konzerne all unsere Probleme lösen werden. Dabei werden mit blindem Applaus die abstrusen Erfindungen gefeiert – und die echten, schnelleren und effizienteren Lösungen ignoriert. Ein Kommentar.

Der Zeitpunkt hätte vergangene Woche nicht besser sein können. Während die Hohepriester der deutschen Wirtschaft – die Chefs von VW, Audi und Co. – ihren Gang nach Berlin antraten, um beim Dieselgipfel einen möglichst schmerzfreien Ausweg aus dem Abgasskandal zu finden, feierte ihr smarter Counterpart Elon Musk auf der anderen Seite des Erdballs den Launch seines seriengefertigten Tesla Model 3. Das Elektroauto aus dem „Valley” soll erstmals für die breite Masse erschwinglich werden – und mindestens die Revolution auch auf unsere Straßen bringen, wie die versammelten Hofberichterstatter teilweise ehrfürchtig kniend einhellig konstatierten. Die ersten dreißig Vorserienmodelle des Tesla Model 3 gehen übrigens an ausgewählte Mitarbeiter der Unternehmen Tesla und SpaceX und bleiben somit erstmal in der Familie. Bis die ersten Chargen des E-Flitzers für den normalen Verbraucher vom Band laufen, wird es noch ein bisschen dauern. Macht nichts, die Revolution kommt, ob nun im August oder September, danach fragt am Ende keiner mehr.

Seit einigen Jahren schon wird dem E-Auto das größte Potential zugeschrieben, wenn es darum geht, die Mobilität ins 21. Jahrhundert zu bringen. Saubere Energie, Nullemissionen, garniert mit smarten Technologien, autonomem Fahren, künstlicher Intelligenz, Netflix-Abo und unzähligen weiteren Annehmlichkeiten. Seit der E-Mobilität – eigentlich eine uralte Technologie – dieses Potenzial zugerechnet wird, verging kein Tag, an dem der kalifornische Newcomer nicht in den Schlagzeilen war. Jetzt beginnt die Phase, in der Musk erstmals liefern muss. Das Unternehmen hat bislang noch keinerlei Erfahrung mit großen Stückzahlen und wird in den nächsten Monaten „durch die Produktionshölle gehen”, wie Musk schon im Vorfeld gegenüber der Presse gestand.

Dem Unternehmen steht nun der Realitätscheck bevor, die Vision trifft zum ersten Mal auf die harte Wirklichkeit – ein Moment, der bei den Projekten von Elon Musk in der jüngeren Vergangenheit eher selten eintrat. Über die Projekte des Paypal-Mitgründers muss im Grunde nicht mehr viel gesagt werden, die Ideen des Südafrikaners werden in nahezu jedem Medium angekündigt, thematisiert und meist gefeiert. Die Hochgeschwindigkeitsröhre Hyperloop, der Plan zur Kolonialisierung des Mars, die Untertunnelung von Los Angeles und viele weitere Ideen mit unterschiedlicher Halbwertszeit haben dem Milliardär den Nimbus eines genialen Querkopfs verliehen, der die ganz großen zivilisatorischen Probleme anpackt.

Dass die Elektromobilität noch weit entfernt ist von ihren Heilsversprechen – Fahren mit sauberer Energie und Nullemission –, dürfte auch Verkehrsminister Alexander Dobrindt klar sein. Quelle: www.audi.de

In den Augen der Öffentlichkeit gelten Musks Projekte als Absolutum und überhaupt nur anzuzweifeln, dass wir in 20 Jahren nicht in einer – selbstverständlich klimaneutralen – Hochgeschwindigkeitsröhre zum Bioladen fahren werden, gilt als Sakrileg. In der nahen Zukunft wird es – verdammt nochmal – keine Mobilitätsprobleme mehr geben, überfüllte Innenstädte werden der Vergangenheit angehören, saubere Energie wird in unbegrenzten Mengen verfügbar sein und das Plastik fischt sich quasi von selbst aus dem Meer.

Reality Check

Anzeichen dafür, dass viele dieser Ideen auf ewig in der Konzeptphase bleiben und nie ihre Realisierung erfahren werden, werden dabei dezent ignoriert. Denn wahr ist auch: Sein Geld verdiente Elon Musk nicht mit Tesla, SpaceX oder anderen Projekten, sondern mit ganz weltlichen IT-Plattformen wie Zip2, X.com oder natürlich Paypal. Die restlichen Engagements sind allesamt wenig profitabel und werden wohl auch in naher Zukunft keine schwarzen Zahlen schreiben. Bislang nutzten die erdachten Utopien vor allem einem: Ihrem Urheber. Durch die öffentliche Rezeption von Hyperloop & Co. erfährt Elon Musk eine öffentliche Aufmerksamkeit, die durch kein Marketingbudget der Welt zu ersetzen wäre.

Tesla schaltet so gut wie keine Werbung und ist trotzdem in aller Munde. Musk hat eine perfekte PR-Maschinerie erschaffen, die regelmäßig mit neuen Superlativen gefüttert werden will, um die Öffentlichkeit und letztlich auch die Investoren zu begeistern, die neues Kapital in seine Projekte pumpen müssen, um die Maschinerie am Laufen zu halten. Die Nachrichtenseiten bekommen Klicks mit Musk, indem sie ihre Technologie-Ressorts inflationär mit seinem Namen bestücken. Musk bleibt im öffentlichen Gespräch und die Öffentlichkeit darf sich ein paar Mal am Tag in eine bessere, weil sorglose Zukunft flüchten. Nur ein Aspekt bleibt dabei auf der Strecke: Realistisch sind die Zukunftsentwürfe, die uns tagtäglich präsentiert werden, eher nicht – oder glaubt wirklich jemand, dass das autonome Fahren in naher Zukunft auch nur eines unserer akuten Verkehrsprobleme lösen wird? Oder dass die elektrische Energie für das Auto der Zukunft bald ohne den Verbrauch fossiler Ressourcen erzeugt, gespeichert und wir mit einem vertretbaren Wirkungsgrad emissionsfrei auf den Straßen unterwegs sind? Oder gar dass ein Privatunternehmen den Mars kolonisiert?

Ein Grundproblem unserer beschleunigten Gesellschaft ist, dass die Basis, also jeder Einzelne, aufgehört hat, nach realistischen Lösungsansätzen zu suchen und gesellschaftliche Entwicklungen zu hinterfragen. Das liegt auch daran, dass die Konfrontation mit Krisen, Konflikten und Katastrophen in Echtzeit eine Überforderung schafft, die das Innehalten und Reflektieren zunehmend erschwert. Noch nie hatten die Menschen so viele Freiheiten, losgelöst von religiösen Dogmen oder politischen Zwängen. Die allgemeine Reaktion besteht aber nicht etwa in einer Flucht nach vorne, hin zur radikalen Selbstverwirklichung, sondern im genauen Gegenteil: Abkapselung, Rückkehr zu konservativen Strukturen und der Suche nach Ersatzreligionen. Die aktuelle blinde Technikgläubigkeit ist die logische Konsequenz daraus.

Kann Elon Musk uns wirklich auf den Mars bringen? Quelle: wikipedia.commons.org

Jede Form von Glauben dient letztlich der eigenen Rechtfertigung und der Aufrechterhaltung des eigenen, bequemen Status Quo. Will sich eine Gesellschaft aber wirklich verändern, muss sie dorthin, wo es weh tut. Die derzeit favorisierten Zukunftsentwürfe – autonomes Fahren und Elektromobilität – sind auch deshalb so hoch im Kurs, weil sie ein gutes Gewissen ermöglichen, ohne die eigene Lebensführung grundlegend verändern zu müssen. Seit Tesla, Hyperloop und Co. im Gespräch sind, ist es verdächtig still geworden um all die naheliegenderen Lösungen und Konzepte wie eine autofreie Innenstadt, die auch ohne die Überwindung hoher technischer Hürden wie der Entwicklung einer wirklich leistungsfähigen Speichertechnologie schon heute möglich wäre. Aber autonomes Fahren klingt natürlich viel attraktiver wie „Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs”. Solche Lösungen würden schon eine gewisse Veränderung der Lebensführung jedes Einzelnen erfordern – ein unbequemer Gedanke. Dann doch lieber einen selbstfahrenden SUV, der den Energieverbrauch eines Kleinlasters hat und den öffentlichen Raum in Großstädten okkupiert.

Die aktuelle Technikgläubigkeit ist ein ideales Vehikel für den latenten Wunsch, alles so lassen zu wollen wie es ist. Wir können nach wie vor jeden Kilometer in unserem eigenen PKW zurücklegen, schließlich kommt ja irgendwann die Absolution in Form des E-Autos. Wir können weiter Müll produzieren, weil irgendwann ja ein geiles Start-Up das Meer wieder aufräumen wird. Und wir können weiter unbegrenzt Energie verbrauchen, schließlich ist die irgendwann ja ohnehin komplett regenerativ. Und wenn das alles nicht passiert, kann Elon uns ja immer noch auf den Mars bringen.

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Florian Stocker
Florian Stocker, geboren 1986 in München, begleitet die Digitale Transformation seit Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln. Als studierter Politikwissenschaftler landete er zunächst als Vertriebsingenieur in der Online-Marketing-Branche. Nach diesem zweijährigen Intermezzo und der Einsicht, dass die Beobachterrolle auch recht reizvoll sein kann, entschied er sich zwei Jahre später für den Journalistenberuf und arbeitet seitdem als freier Redakteur für verschiedene Fachmagazine, unter anderem für den altehrwürdigen “MM MaschinenMarkt”. <br /> <br /> <strong>Themen:</strong> Big Data, Arbeitswelt, Digital Economics, Netzpolitik und – ohne Witz – Pumpen, Armaturen und Rohrleitungen.