Wenn die Politik an ihre Grenzen stößt, wird nur die Technik helfen.

Spätestens seit der Trump-Wahl sieht es düster aus für den Klimaschutz. Doch während sich in der globalen Umweltpolitik die Rolle rückwärts abzeichnet, will sich die Forschung nicht so schnell geschlagen geben. Ingenieure auf der ganzen Welt entwickeln radikale Methoden, um Korallenriffe vor dem Aussterben zu retten, CO2 in Algen einzufangen, Kohlenstoff in Diesel zu verwandeln oder gar eine zweite Ozonschicht zu erschaffen  mit dem Zweck, die Erderwärmung in den Griff zu bekommen.

Selbst wenn die Klimakonferenz von Paris 2015 allgemein als großer Erfolg verbucht wurde: Die USA droht nun als zentraler Akteur und nach China – zweitgrößter CO2-Emittent (6,5 von 37 Gigatonnen) aus der Reihe der aktiven Klimaschützer wegzubrechen. Die Hoffnungen ruhen nun paradoxerweise auf der fernöstlichen Wirtschaftsmacht und damit einem Land, das bisher wenig Initiative in puncto Umweltschutz zeigte. Keine rosigen Aussichten also. Sollen wir also alle den Kopf in den Sand stecken und uns auf die Zeit nach der Klimakatastrophe einstellen? Nicht unbedingt. Denn wenn die Politik versagt, gibt es immer noch Forscher, Entwickler, Ingenieure, die am großen Ziel festhalten: Aktuell versprechen einige vielversprechende Entwicklungen, den Klimawandel in kontrollierte Bahnen zu lenken und das totgeglaubte Zwei-Grad-Ziel vielleicht doch noch zu erreichen.

Doch der Reihe nach: Die UN-Klimakonferenzen der letzten Jahre führten meistens zu eher enttäuschenden Ergebnissen. Paris 2015 galt allerdings als Meilenstein. Die internationale Gemeinschaft vereinbarte dort eine konzertierte und konsequente Klimaschutzpolitik mit der Maßgabe, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen – mit allen verbundenen Emissionsreduktionen (CO2) versteht sich.

Ein Ziel ohne Weg

Der Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, hält davon aber eher wenig. Nicht weil er etwas gegen Klimaschutzpolitik hätte, sondern: Er zweifelt die Machbarkeit des Zwei-Grad-Ziels an. Seriöse Rechenmodelle stützen seine These: Diesen zufolge müsste die Welt zwischen 2045 und 2060 die Nettotreibhausgasemissionen auf Null zurückfahren, um dieses Ziel zu erreichen. Außerdem müsste in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ein Teil des vorher zu viel ausgestoßenen Kohlenstoffdioxids wieder künstlich aus der Erdatmosphäre entfernt werden.

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Kein CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2065? Mit Blick auf die globale politische Lage und unserem Konsumverhalten scheint das so gut wie unmöglich. Quelle: giphy.com

Das Erreichen des Zwei-Grad-Ziels gilt zunehmend als schwierig. Wenn überhaupt wäre es wohl nur mit sehr großen Kraftanstrengungen zu erreichen. Die meisten Modelle gehen heute davon aus, dass nach 2050 sogenannte BECCS-Technologien zum Einsatz kommen müssten, Technologien also, die durch die Verbrennung von Biomasse aktiv Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre filtern, um sie anschließend in den Boden zu pressen. Selbst wenn es in Island bereits gelungen ist, emittiertes CO2 in Basaltsteinen zu verewigen, gilt es unter Experten nach wie vor als umstritten, ob solche Maßnahmen – politisch wie technisch – ausreichend umsetzbar sind.

Grenzen der Politik

Die politische Lage lässt derzeit wenig hoffen. Trump hält den Klimawandel für europäische Propaganda, die der US-amerikanischen Wirtschaft schaden soll. Trump wird Präsident und er schart Leute um sich, die ihn in seinem Wahn nur bestätigen. Außenminister ins spe Rex Tillerson ist der Prototyp des Cognac trinkenden, in Hinterzimmern agierenden Öl-Managers, der sich wohl nicht nur optisch eher dem 20. Jahrhundert verbunden fühlt. Myrob Ebbel, für den Chefposten der US-amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA gehandelt, wird von der “New York Times” als “einer der prominentesten Klimawandel-Leugner der Nation” bezeichnet. Der oberste Anwärter auf den Stuhl des US-Justizministers bewegt sich im selben Kielwasser: Der Senator Jeff Sessions konterkariert die gesamte wissenschaftliche Forschung rund um den Klimawandel und nennt sie eine “bewusste Täuschung.”

Die Tatsache, dass 97% aller befragten Klimaforscher für die Positionen des IPCC, dem sog. Weltklimarat, eintreten und die Aussage bestätigen, wonach die menschlichen Treibhausgas Emissionen von Kohlendioxid (CO2) zur globalen Erwärmung beitragen, scheint Trump und sein Gefolge wenig zu kümmern. Ob dieser Situation blickt der Rest der Welt nach China. Das “Land der aufgehenden Sonne” scheint den Klimaschutz bislang auch sehr ernst zu nehmen – nur wird China alleine nicht reichen.

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Ist die exorbitante CO2-Emission überhaupt in den Griff zu bekommen? Vielen Forschern bereitet diese Frage Kopfzerbrechen und führt sie mitunter zu unkonventionellen Ansätzen. Quelle: pexels.com

Die Politik scheint ohnehin immer mehr an die Grenze ihrer Gestaltungskraft zu gelangen. Blickt man auf CO2-Emissionen pro Kopf dann befindet sich Deutschland weltweit an sechster Stelle, nach Österreich, Schweiz, USA, Australien und Kuwait. Der beschlossene Energiewende zum Trotz, wäre es vermessen zu sagen, unser Konsumverhalten hätte sich in den letzten Jahren großartig geändert. Vielleicht ist es an der Zeit, gewissen Techniken eine ernsthafte Chance einzuräumen, unseren Planeten vor dem Exodus zu bewahren. Pioniere gibt es und einen Blick sind sie allemal wert.

Der Evolution Beine machen?

Da wäre zum Beispiel Ruth Gates, eine englische Forscherin, die “der Evolution Beine machen will”, wie die ZEIT jüngst titelte. Die ambitionierte Forscherin will dem weltweiten Korallensterben Einhalt gebieten. Die als Korallenbleiche bekannte Krankheit, die Korallenriffe auf dem ganzen Globus dahinraffen lässt, verbreitet sich nur aus einem Grund derart viral: Gegen die stetige Erwärmung der Weltmeere – bedingt durch den Klimawandel – können die Korallen aus eigenem Antrieb nicht ankämpfen. Wenn das Wasser zu lange zu warm ist, sterben sie, Punkt.

Gates stellte sich deshalb die Frage, ob man die Korallen nicht trainieren könnte, sich in den für sie lebensfeindlichen Umgebungen besser anzupassen? Sie züchtet Korallen, die es mit dem Klimawandel aufnehmen, oder auch “Superathleten”, wie sie sie nennt. Kritik folgte auf dem Fuße: Nachdem Korallen ein ganzes Ökosystem versorgen und bereichern, könnte ein derartiger Eingriff, die empfindlichen Ökosysteme für immer verändern. Kritiker bezeichnen ihr Labor deshalb als “Monsanto der Korallenriffe.”

Kein schmeichelnder Spitzname, jedoch kann man ihre Geschichte auch anders erzählen. Dafür lassen wir Frau Gates lieber selbst sprechen: “Wir beschleunigen hier die Evolution. Nur so können wir die Überlebenschancen erhöhen, anstatt den Tod mitanzusehen.” Wissenschaftliche Studien scheinen die apokalyptischen Vorhersagen von Gates zu untermauern. So prognostizieren Experten des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der Universität of Queensland in Brisbane, Australien, in einer gemeinsamen Studie, dass selbst bei einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von 1,5 Grad, die Hälfte aller Korallenriffe zerstört würde.

“Jedes Gemüse ist selbstverständlich gezüchtet”

Jetzt könnte man natürlich fragen: Was kümmern uns die Korallen? Leider einiges. Die Millimeter kleinen Polypen, die in Kalkskeletten hausen, leben in Symbiose mit Zooxanthellen, winzigen einzelligen Organismen, die auf den Skeletten siedeln und die Korallen im Gegenzug mit Energie versorgen. Außerdem ermöglichen diese Einzeller das bunte Farbenspiel, das nicht nur Tauchern ein Begriff sein sollte. Eine steigende Wassertemperatur unterbricht diese Symbiose. Wenn die Temperatur nicht wieder sinkt, dann kehren die Zooxanthellen nicht zurück, die Korallen bleichen aus und hinterlassen nur ihr Kalkskelett.

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Korallen bilden das natürliche Bollwerk gegen Erosion, Brandung und Tsunamis. Wenn die Temperatur der Meere weiterhin steigt, werden sie der Korallenbleiche zum Opfer fallen. Quelle: pixabay.com

Auf dem Skelettfriedhof machen sich sukzessive Algen breit, bis die Wellen diese Ruinen hinfort schwappen. Dann haben viele Fischarten ihren Lebensraum endgültig verloren und Fischer ihre Lebensgrundlage. Tauschschulen können dicht machen, jedoch, was am schlimmsten wiegt: Der natürliche Schutz der Küsten, das Bollwerk gegen Tsunamis, Brandung, Erosion und Stürme ist für immer perdu. Spätestens dann, gehen die Korallen uns alle an.

Ruth Gates hat diese Tatsache mehr verinnerlicht als jeder andere. Sie züchtet und kreuzt besonders widerstandsfähige Korallen miteinander – in der Hoffnung, überlebensfähigere Symbiosen zwischen den Polypen und den Zooxanthellen zu kreieren. So ganz Unrecht hat sie auch nicht, wenn sie sagt: “Der Mensch verändert seine Umwelt seit Tausenden von Jahren. Jedes Haustier, jedes Gemüse auf unserem Esstisch ist selbstverständlich gezüchtet. Aber bei Korallen wird ein Problem daraus gemacht.”

Das große Problem: Niemand weiß welche Auswirkungen “Super-Korallen” auf das Ökosystem nehmen. Doch eine gute Antwort hält die Forscherin dennoch bereit: “Wenn die Menschheit den Klimwandel nicht stoppt, kann nichts die Korallen retten. Ich entwickle Werkzeuge, von denen ich hoffe, dass sie nie gebraucht werden.” Auch den Einsatz von Gentechnik will die Forscherin nicht ausschließen: “Wir wollen herausfinden, welche Gene die Korallen besonders widerstandsfähig machen.”

Schlussendlich dreht sich alles um eine im Prinzip gar nicht so neue Frage: Was ist gefährlicher? Die Natur zu verändern oder nichts zu tun? Auch andere Forscher müssen mit dieser und weiteren umweltethischen Fragen ringen.

Welcome to Anthropozän

Waren es früher noch die Kräfte der Natur, denen der Mensch nie ganz Herr werden konnte, sprechen immer mehr Wissenschaftler von einem neuen Erdzeitalter: dem Anthropozän – demjenigen Zeitalter also, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde avanciert ist. Stellt sich nur die Frage, wer das Kräftemessen gewinnen wird? Der Kampf zwischen der Natur und ihrem menschlichen Bezwingern hat jedenfalls längst begonnen – der Ausgang bleibt ungewiss.

Einer dieser Bezwinger ist Victor Smetacek, der vor Jahren auf dem Expeditionsschiff Polarstern des Alfred-Wegener-Instituts für Polar und Meeresforschung arbeitete. Seine ungewöhnliche Forschungsfrage drehte sich damals um die Fruchtbarmachung des Polarmeeres.

Dünger für das Meer

Als die Polarstern im Jahr 2004 die Anker lichtet und Richtung Antarktis Fahrt aufnimmt, befinden sich auch 53 Wissenschaftler an Bord. Ziel der Expedition: Sieben Tonnen Eisensulfat ins Meer zu kippen. Klingt nach Müllentsorgung? Das Gegenteil ist der Fall: Die winzig kleinen Eisenspäne sollen als Futter für die “Kieselalge” dienen.

Kieselalgen sind winzige, einzellige Lebewesen, die unter dem Mikroskop wie kleine Kristalle aussehen. Die Pflanze besitzt die Fähigkeit, Kohlenstoffdioxid in beachtenswert großen Mengen in Sauerstoff umzuwandeln. Der logische Gedanke des Forscherteams um Victor Smetacek lautete daher: Wenn es gelingt das Wachstum dieser Algen durch die Zugabe von Eisensulfat zu beschleunigen bzw. zu beeinflussen, dann könnte man Abermilliarden winzige Maschinchen heranzüchten, die das Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufsaugen und zu Sauerstoff verarbeiten.

Unsere “grüne Lunge” besteht offensichtlich nicht nur aus dem Regenwald, sondern auch aus ozeanischen Pflanzen. Wissenschaftler schätzen, dass ca. 50% des Sauerstoffes auf der Erde von Meerespflanzen wie der Kieselalge produziert werden.

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Klein aber oh-ho: Die Kieselalge absorbiert mehr CO2 wie die meisten anderen Pflanzen. Sollte man sie deshalb künstlich vermehren? Quelle: wikipedia.org

Dieser Zusammenhang wurde bereits vor Jahren von dem Ozeanwissenschaftler John Martin hervorgekehrt: “Gebt mir einen halben Tanker voller Eisen und ich beschere euch die nächste Eiszeit.” Die Gleichung ist simple: Weniger CO2 = weniger Treibhauseffekt = dickere Ozonschicht = weniger Erderwärmung.

Unabsehbare Konsequenzen für das Ökosystem

Das Experiment glückte zunächst. Die Algen vermehrten sich rapide und sprossen so üppig wie Pilze aus dem Boden. Die abgestorbenen Tiere sanken außerdem auf den Meeresgrund, nahmen das aufgenommene Kohlendioxid mit sich und versiegelten es an einem Ort, von wo aus es keinen Schaden mehr anrichten konnte. Das Experiment der Polarstern im Jahr 2004 war in der Sache erfolgreich. Dennoch spricht Smetacek im Jahr 2016 von einer Niederlage. Was ist geschehen?

Ähnlich wie bei Ruth Gates stieß das kühne Vorhaben auf eine weitgehend negative Resonanz. Damals stritten das Bundesforschungsministerium, das für Smetaceks Experiment eintrat, und das Bundesumweltministerium miteinander um die Sinnhaftigkeit dieser Expedition. Auch aus den Reihen von Umweltverbänden und Naturschutzorganisationen fanden sich schnell Gegner ein. Stephan Lutter von der Naturschutzorganisation WWF befürchtete etwa, dass ein derartiger Eingriff gravierende Veränderungen für das Weltweite Ökosystem zur Folge hätte und die Artenvielfalt in den Ozeanen bedroht wäre. Diese Sichtweise setzte sich am Ende durch. Inzwischen ist die großflächige Düngung der Meere völkerrechtlich verboten.

Ein im Jahr 2008 von mehreren Wissenschaftlern publizierter Fachartikel resümierte in der Science, dass es noch verfrüht sei, ein endgültiges Urteil über Ozean-Eisen-Düngung zu fällen. Demnach könnten erst weitere Forschungen Aufschluss darüber geben, wie viel CO2 effektiv entfernt werden kann und für welchen Zeitraum dies gelte. Zu einer abschließenden, wissenschaftlichen Bewertung von Risiken und Nutzen ist das letzte Wort bislang noch nicht gefallen.

Bei Victor Smetacek handelt es sich zumindest nicht um den einzigen Ingenieur, der das CO2-Problem durch technische Eingriffe in den Griff bekommen möchte. Einer seiner Brüder im Geiste heißt Adrian Corless, der an einem ambitionierten Projekt arbeitet, das sich Carbon Engineering nennt. Wenn es nach Corless geht, dann leidet CO2 an einem gewaltigen Imageproblem, das gelöst werden muss. Dazu mehr auf Seite zwei.

Künstliche Bäume und Treibstoff aus CO2

Wie? Corless’ Geschäftsidee sieht im Kohlenstoffdioxid keinen unsichtbaren Müll, sondern eine Ressource, die man am besten in Treibstoff verwandeln sollte. Wenn das geschehen sei, dann könne die Menschheit endlich ohne schlechtes Gewissen Auto fahren, Flugzeug fliegen usw. Klingt verrückt. Ist es irgendwie auch, aber technisch zumindest machbar. Auf dem Fabrikgelände von Corless absorbieren lärmende Maschinen das CO2 aus der Luft, speisen es in einen Reaktor zur chemischen Aufbereitung und produzieren daraus Dieselkraftstoff.

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Die Umwandlung von CO2 in Treibstoff kostet sehr zwar viel Energie., jedoch kann Strom auch aus erneuerbaren Ressourcen gewonnen werden. Quelle: pexels.com

Auch diese Idee erweist sich als nicht neu. Schon vor mehreren Jahren hatte ein deutscher Physiker in den USA ein Konzept präsentiert, um “künstliche Bäume” – wie er es nannte – in die Landschaft zu stellen. Gemeint sind Bäume bestehend aus Metallstangen und Metallmembranen, die CO2 aus der Landschaft filtern. Carbon Engineering hat diese Idee nun fortgeführt und verarbeitet das absorbierte Kohlendioxid sogar noch weiter. Einen Haken hat die ganze Sache natürlich: Die Erzeugung von CO2-Diesel benötigt große Mengen an Strom. Doch wenn es nach Adrian Corless geht, dann ist es wesentlich einfacher, Strom mithilfe von Wind- und Sonnenenergie herzustellen, als Autos, Schiffe und Flugzeuge CO2-frei – also mit Strom – anzutreiben.

Für Konzepte wie die von Corless, Smetacek und Gates gibt es einen neuen englischen Begriff: Geoengineering. Gemeint ist damit der Eingriff in die geochemischen Kreisläufe der Erde durch die menschliche Hand. Selbst der Himmel scheint dabei offen für Experimente.

Die Chance auf eine zweite Ozonschicht

Flugzeuge, die Chemikalien in den Himmel blasen, um es regnen zu lassen, sind ja – vor allem aus China – hinreichend bekannt. Doch das, was der Professor für angewandte Physik David Keith propagiert, eher weniger. Sollten sie jedoch einen seiner Vorträge gelauscht oder ihn auf einer Konferenz erlebt haben, dann ist Ihnen David Keith sicherlich ein Begriff. Der Harvard-Professor hat sich ohnehin längst daran gewöhnt, als “Spinner” abgetan zu werden.

“Ich arbeite daran, wie man bewusst das Klima manipulieren könnte”, sagte Keith in einer Vorlesung voller Erstsemestern. Seine Idee ist folgende: Der Forscher möchte in 25 Kilometern Höhe chemische Substanzen freisetzen. Schwefelsäure, Kalziumcarbonat oder Ähnliches. Nach einer gelungenen Testphase sollen im Sinne des Physikers eine Million Tonnen im Jahr in den Äther geblasen werden, kleine Partikel also, die sich dann gleichmäßig rund um den Globus verteilen. Die chemischen Substanzen würden folglich als Spiegel fungieren, die Teile des Sonnenlichts zurück in das Weltall schicken. Für den Professor die letzte Chance, unseren Planeten zu kühlen.

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Fairerweise muss man sagen: Hätten wir die natürliche Ozonschicht nicht stark in Mitleidenschaft gezogen, dann bräuchten wir Keith und seine Ideen auch nicht. Plötzlich scheint eine zweite, künstliche Ozonschicht gar nicht mehr so abwegig. Quelle: pexels.com

Mit diesem ungewöhnlichen Ansatz ist der Forscher mittlerweile nicht mehr ganz alleine: So haben sich die amerikanische “National Academy of Sciences”, weitere staatliche Forschungsorganisationen und sogar namhafte Umweltschutzgruppen inzwischen für derartige Experimente ausgesprochen.

Computersimulationen sprechen für die Machbarkeit, unserem Planeten eine neue künstliche Ozonschicht zu verpassen. Selbst die Natur scheint David Keith in seinem Vorhaben zu stützen. Als im Jahr 1991 der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen ausbrach, verbreitete sich das mit urzeitlicher Gewalt ausgestoßene Schwefeldioxid um die ganze Erde. Und tatsächlich: Im Jahr 1992 wurde ein globaler Temperaturabfall von 0,5 Grad festgestellt. Die vielen kleinen “Spiegelchen”, die so auf “natürlichem” Weg in den Äther gelangten, konnten die Erde zumindest für ein Jahr abkühlen, bis die Schwefeldecke sich wieder lichtete.

Mühsames Kopfzerbrechen

Keith äußert sich im Grunde ähnlich wie Ruth Gates. Es wäre auch ihm am liebsten, wenn man über so etwas wie künstliche Vulkanausbrüche gar nicht erst nachdenken müsste. Doch der Physiker glaubt nicht mehr daran, dass es noch Wege gibt, die ohne Gefahren und Risiken einhergehen.

Interessanterweise sind es aber gar nicht immer nur potenzielle Gefahren und Risiken, die Kritiker und Umweltaktivisten auf den Plan rufen, die gegen technische und künstliche Ideen protestieren, wie sie Gates, Corless, Smetacek und Keith vorschlagen. Denn abgesehen von den Eingriffen in unser bestehendes Ökosystem schwelt noch ein ganz anderer Konflikt zwischen Ingenieuren und Ökoaktivisten. Man tut gut daran, sich den Diskurs anzusehen, denn früher oder später werden Entscheidungen getroffen werden müssen, die das Klimapendel in die ein oder andere Richtung ausschlagen lassen werden.

Ökoaktivisten halten derartigen Techniken i.d.R. entgegen, dass sie an der Lösung des eigentlichen Problems – nämlich der Reduzierung von CO2 – vorbeischießen und noch viel schlimmer: Techniken, die dem CO2-Ausstoß seine gefährlichen Zähne ziehen, befeuern ja gerade eine Mentalität, die zu noch mehr Verbrauch anregt. Damit ist ein großes Fass aufgemacht, das diskursiv kaum zu erschöpfen ist.

Wie sollen wir in Zukunft leben? Müssen wir nach Jahren des Übermaßes und der Völlerei nicht endlich Verzicht lernen? Doch selbst wenn: Wie erklären sie eine Kultur des Verzichts Ländern, die von deutlich weniger Wohlstand geprägt sind als beispielsweise USA oder Deutschland? Kann man die Bevölkerung überhaupt zu Verzicht zwingen? Bräuchte das nicht einen neuen Menschen und klingt das nicht viel zu utopisch? Es ist ein alter Streit zwischen Idealisten, Realisten und Pragmatikern, der sich auf absehbare Zeit gewiss nicht lösen lässt. Das Ergebnis dieses diskursiven Prozesses liegt noch in weiter Ferne – angesichts globaler Ungleichzeitigkeiten noch umso mehr.

Doch angesichts schwindender Eisdecken scheint uns die Zeit davonzulaufen. Kaum ein Wissenschaftler hält das Zwei-Grad-Ziel noch für realistisch: Pole schmelzen, Naturkatastrophen nehmen zu, Korallen sterben, ganze Tierarten verrotten und eine echte Lösung scheint so fern wie nie.

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Freilich muss sich auf lange Sicht auch unser Konsumverhalten ändern, doch Fortschritt lässt sich nicht maßregeln: Solange es andere Techniken gibt, werden die Menschen nicht wieder Kutsche fahren. Quelle. pexels.com

Der Mensch mag ja vieles sein. Was wurde er aus philosophisch-anthropologischer Sicht nicht alles genannt: homo academicus (Der akademische Mensch), homo astheticus (Der ästhetische Mensch), homo ludens (Der spielende Mensch), homo faber (Der schaffende Mensch), homo cooperativus (Der zusammenarbeitende Mensch), homo oecologicus (Der ökologische Mensch) oder homo oeconomicus (Der ökonomische Mensch). Doch ob der homo renuntius (Der verzichtende Mensch) ebenso in der Gattung Mensch steckt, bleibt vorerst abzusehen.

Mit Blick auf die Klima-Uhr scheint es keine gute Idee zu sein, darauf zu warten. Selbst der größte Technikfeind, der gar keine Eingriffe in Mutter Natur wünscht, sollte noch mal kurz innehalten. Denn die immer noch ungelöste Frage wird in baldiger Zukunft virulent:

Nichts tun oder Gott spielen? Die Technik haben wir längst, doch wollen wir sie auch benutzen?