Start Vierte Revolution Kunst und Vision: Unser Millennium – aus der Sicht von vor 100 Jahren

Kunst und Vision: Unser Millennium – aus der Sicht von vor 100 Jahren

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Kunst und Vision: Unser Millennium – aus der Sicht von vor 100 Jahren

Französische Künstler, darunter Jean-Marc Côté, haben zwischen den Jahren 1899 und 1910 mit einer Bilderreihe gezeigt, wie sie sich das Leben der Menschen im Jahr 2000 vorstellten. Es sind mindestens 87 Karten bekannt, wovon die erste Serie von „En L’An 2000 (Im Jahr 2000)” für die Weltausstellung 1900 in Paris produziert wurde. So abenteuerlich-absurd diese „visonären Postkarten” aus heutiger Sicht erscheinen, so bemerkenswert vorausschauend sind die einen, so freudig falsch die anderen.

Fliegender Postbote

Quelle: commons.wikimedia.org / flickr.com

Bereits seit längerem experimentiert Amazon mit Lieferungen per Drohne. In Großbritannien ist bereits die erste Auslieferung mit einem autonom fliegenden Multicopter geglückt. Der Kunde hatte die Bestellung – eine Fire-TV-Box und Popcorn – nur 13 Minuten vor der Lieferung getätigt. In Zukunft möchte der Online-Versandhändler große Türme errichten, die als Logistikzentrum für die Drohnen dienen sollen. Für „echte” Kuriere wird dort wohl kein Platz mehr sein.

Automatisierte Landwirtschaft

Quelle: commons.wikimedia.org / agrarheute.com

Der Traktor fährt allein. Die Kühe lassen sich vom Roboter melken. Modernste Landwirtschaft funktioniert tatsächlich so, wie dieser Künstler es sich um 1900 ausmalte. Landwirte befinden sich längst in einer Liaison mit State-of-the-Art-Hightech: Drohnen sorgen für die automatische Erkennung von Unkräutern. Automatisierte Vollernter holen die Früchte vom Feld und all das regelt der „Bauer” über eine zentrale Steuerungseinheit – auch Computer genannt.

Maßanzug aus der Maschine

Quelle: commons.wikimedia.org / commons.wikimedia.org

Wo der Großteil unserer Kleidung herkommt, ist kein Geheimnis: Aus harter, langer Arbeit, die teilweise schockierend niedrig entlohnt wird. Die Geschäftsmodelle internationaler Textildiscounter werden seit Jahrzehnten als ausbeuterisch kritisiert – gekennzeichnet von mangelndem Arbeitsschutz und intransparenten Strukturen. Das Resultat? 14 Stunden Regelarbeitszeit bei ca. 61 Euro Durchschnittslohn im Monat. Die These von Robotikherstellern kennt man ja: „Wir schaffen nicht alle Jobs ab, nur die schlechten”. Rein rechnerisch werden nicht nur in der Textilbranche, sondern im gesamten produzierenden Gewerbe Jobs wegfallen. Die Frage ist nur, wie die Gesellschaft damit umgeht? (eine Diskussion dazu findet ihr in diesem Artikel)

Intelligente Putzmaschine

Quelle: commons.wikimedia.org / mynewsdesk.com/de/dyson

Neue Staubsauger-Roboter drängen mittlerweile mit modernen Lasernavigations- Fähigkeiten auf den Markt. Da die Saugkraft der Roboter bauartbedingt nicht mit konventionellen Staubsaugern vergleichbar ist, werden sie bei Stiftung Warentest als eigene Produktgruppe getestet. Warum der Künstler keinen konventionelle Sauger als Vorlage nutzte, kann nur gemutmaßt werden: Erfunden wurden Staubsauger zwischen 1860 und 1876 in den USA, doch bis zum Zweiten Weltkrieg waren sie ein Luxus, den sich nur reiche Leute leisten konnten.

Wissen ins Gehirn

Quelle: commons.wikimedia.org / commons.wikimedia.org

Beamer statt Fernseher? Smartboard statt Tafel, Kreide und Projektor? Der seit 1960 verbreitete Tageslichtprojektor ist weiterhin in vielen deutschen Schulen vertreten. Bis die Digitalisierung unser Bildungswesen vollständig erreicht hat, wird es wohl noch einige Zeit dauern. Ob allerdings die automatische Einspeisung von Wissen in die Gehirne unserer Kinder wirklich etwas positives wäre, ist sehr fraglich: In Zeiten von G8, Bologna und performance-optimierten Schulen würden viele Eltern es mit der Bildung ihrer Kinder übertreiben – und den Burnout zum täglichen Begleiter werden lassen.

Brutmaschine

Quelle: commons.wikimedia.org / commons.wikimedia.org

Die Geflügelhaltung ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Massentierhaltung. Möglichst viele Hühner auf engem Raum, vollgestopft mit Medikamenten und Kraftfutter, um ein schnelles, durchoptimiertes Fleischprodukt zu realisieren. Das Ergebnis: Ein Kilo Hühnerfleisch kostet in Deutschen Discountern zwischen 2,49€ und 4,99€ – die Öko-Alternative leicht das Doppelte bis Dreifache. Ach ja: Brutmaschinen gibt es natürlich, aber ihr Anblick ist bei Weitem nicht so idyllisch wie auf dieser Postkarte.

Fliegende Taxis

Quelle: commons.wikimedia.org / media.wired.com

Fliegende Taxis? Vors Haus gehen, rein setzen und losfliegen? Über alle Staus hinweg? Viele Start-Ups versuchen diese Idee in die Tat umzusetzen. Die Nase vorn hat derzeit die kleine badische Firma E-Volo. Ihr Volocopter hat den bemannten Erstflug bereits hinter sich und hebt bald in Dubai ab. Der Hersteller hat mit der Verkehrsbehörde des Emirats den Testbetrieb vereinbart. Ob Taxifahrer nun um ihre Jobs bangen müssen? Fürs erste sind Uber, Lift und co. wohl das akutere Risiko als die Konkurrenz am Himmel.

Fliegende Feuerwehr

Quelle: commons.wikimedia.org / wikipedia.org

Sie sind die „fliegenden Feuerwehrmänner” der Zukunft: Löschflugzeuge sind seit 1953 im Großeinsatz bei Waldbränden und meist die einzige Möglichkeit, kurzfristig in unwegsamen Gelände Löschmittel einzusetzen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts verlief die Brandbekämpfung noch mühsamer: Alle arbeitsfähigen Einwohner hatten mit gefülltem Eimer zur Brandstelle zu eilen und laut Obrigkeit darauf zu achten, „dass die mit ihrem Lamentieren nur Konfusion machenden Weibsleute in die Reihen gebracht werden“. Heute hat sich zum Glück nicht nur die Technik, sondern auch die „Obrigkeit” zum Besseren gewandelt.

Schminkroboter

Quelle: commons.wikimedia.org / www.youtube.com/watch?v=WcW70-6eQcY

Automatisiertes Schminken? Make-Up-Roboter? Schwer vorstellbar, dass Männer und Frauen ihre Gesichts- und Körperpflege gänzlich einer Maschine überlassen. Aber, wie dieser Clip hier zeigt: Es gibt immer wieder mutige Pioniere der Technik, die so etwas wie einen Schmink-Roboter erfinden – selbst wenn der Lippenstift dann etwas „extravagant” daher kommt. Hauptsache ist: Ruhe bewahren.

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Benjamin Schulz
Der Diplom-Historiker Benjamin Schulz, geboren 1987, befasste sich während seines Studiums umfassend mit Rezeptions-, Kultur- und Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Der angehende Doktorand erfreut sich an einem breitgestreuten Interesse, das weit über Historiographie hinausgeht. Sein Motto: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie bietet eine erfrischende Inspiration, zukünftigen Ideen und Entwicklungen mit kritischen und offenen Augen zu begegnen. Denn früher war gewiss nicht alles besser! <br /> <br /> <strong>Themen:</strong> Industrie 4.0, Welternährung, Forschung, Smart City und vernetzte Umwelt.