Kryonik: Von der Aufhebung der Sterblichkeit

Wann ist der Mensch eigentlich tot? Das Einfrieren des eigenen Körpers, die Kryostase, erscheint vielen unheilbar Kranken als große Hoffnung im Kampf gegen ihr Leid. Doch kann die Vision vom ewigen Leben wirklich Realität werden, oder müssen wir uns noch eine Weile mit der eigenen Sterblichkeit abfinden?

Schon der Philosophenkaiser Mark Aurel wusste: Der Tod lächelt uns alle an. Das Einzige, was wir tun können, ist zurücklächeln.“ Immer schon war die Frage danach, wann der Mensch eigentlich tot sei, nicht nur eine Frage für Mediziner, sondern auch eine Fragestellung für Philosophen. Neuerdings müssen die Gelehrten ein neues Phänomen in ihre anatomischen und ethischen Überlegungen einbeziehen. Ist der Mensch tot, wenn er eingefroren wird? Was nach Science-Fiction klingen mag, wird in den USA unlängst praktiziert. Dort lassen sich Menschen mit noch unheilbaren Krankheiten – wie z.B. ALS oder Krebs – einfrieren, in der Hoffnung, in 50, 100 oder gar 500 Jahren aus ihrem eiszeitlichen Tiefschlaf geweckt und geheilt zu werden.

Batmans "coolster" Erzfeind - Victor Fries alias Mr. Freeze fror sich in der Fiktion freiwillig ein, um ein Heilmittel für seine unheilbar kranke Frau zu finden. Bildquelle: ABC Television - Open CC
Batmans “coolster” Erzfeind – Victor Fries alias Mr. Freeze fror sich in der Fiktion freiwillig ein, um ein Heilmittel für seine unheilbar kranke Frau zu finden. Bildquelle: ABC Television – Open CC

Was ist eigentlich “tot”

Kann man der Wissenschaft wirklich zutrauen, den Tod zu überwinden? Früher konnte das allein der Glaube an Gott! Lange Zeit hielt man Menschen für tot, deren Herzen das Schlagen eingestellt hatten. Heute gilt der Mensch erst als tot, wenn das Gehirn keine elektrischen Signale mehr sendet. Herzen, Lungen, Nieren können operiert, reanimiert und über kurz oder lang durch Maschinen ersetzt werden. Der Tod hat an Trennschärfe verloren und ist heute nur noch durch Experten einwandfrei festzustellen.

Fragt man ausgebildete Rettungssanitäter, dann arbeitet der menschliche Körper ohnehin wie eine Maschine. Die Grundlagen einer erfolgreichen Reanimation nach einem Herzstillstand sind: Herzmassage, 100 Mal die Minute, Beatmung durch die Nase alle 20 Sekunden. Je nach Fall springt die Herzkreislaufmaschine wieder an und der Patient kann gerettet werden. Erst wenn das Herz wieder pumpt und die Lungen atmen, sind weitere medizinische Eingriffe sinnvoll.

Seit den 60er Jahren ist es allgemeinhin üblich, Menschen mit Herz-Lungen-Maschinen künstlich am Leben zu halten. Der Hirntod gilt seitdem als Eintrittskarte in das Reich der Seligen: Die Kryonetik rüttelt nun auch an dieser Gewissheit über den Tod!

Die erste Kryo-Konservierung eines Menschen wurde erstmals am 12. Januar 1967 an James Bedford durchgeführt, dessen Körper heute noch bei Alcor in Arizona aufbewahrt wird. Die Technik steckte damals noch in den Kinderschuhen, sodass es unwahrscheinlich ist, dass sein Gehirn hinreichend geschützt wurde. Die Kryonetik – als Wissenschaft – scheint seitdem zum Scheitern verurteilt.

Warum sie stattdessen eine „Renaissance” erlebte, erfahrt ihr auf Seite 2.

Der Zufall als Initiator

Im Jahr 1999 erfuhr diese lange als unseriös verbrämte Wissenschaft einen unerwarteten Impuls. Ausschlaggebend dafür war ein Skiunfall in Norwegen. Anna Bågenholm stürzte mit ihren Skiern über eine Felskante kopfüber in einen zugefrorenen Fluss. In einer Luftblase konnte sie 40 Minuten lang weiter atmen, ehe ihre körperlichen Kräften versagten. Als die Rettungskräfte eintrafen, war die schwedische Ärztin nach allen medizinischen Kriterien tot: Die Körpertemperatur betrug weniger als 14 Grad. Das Herz hatte aufgehört zu schlagen. Die Atmung war ausgefallen. Die Hirnaktivität erloschen.

Allen medizinischen Erkenntnissen und aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz, konnten die Notärzte Anna Bågenholm erfolgreich reanimieren. Sie wärmten den Körper auf, brachten das Herz zum Schlagen, die Neuronen zum Feuern und ließen sie weiterleben – und das ohne bleibende Schäden!

Wunder oder Wissenschaft?

Ein Wunder? Nicht im Zeitalter der digitalen Revolution. Die bedeutenderen Fragen lauten wohl eher: War Anna Bågenholm wirklich tot? Welche wissenschaftliche Erkenntnis steckt dahinter? Hat die Kälte den Körper der jungen Ärztin erfolgreich am Leben gehalten?

Beinaher Tod im Eiswasser: Ein Zufall gab der Forschung neue Impulse. Bildquelle: Christopher Campbell / Unsplash
Beinaher Tod im Eiswasser: Ein Zufall gab der Forschung neue Impulse. Bildquelle: Christopher Campbell / Unsplash

Der alte Traum der Menschheit, nämlich den Tod zu überwinden, scheint seit diesem Vorfall in greifbarer Nähe. Kein Wunder, dass Anna Bågenholms Unfall die Forschung im Bereich der Kryostase vorantrieb und für zahlreiche Veröffentlichungen im medizinischen Fachbereich sorgte. Im Krankenhaus der amerikanischen Universität Yale gehören die Techniken der Kryonetik bereits zum medizinischen Alltag. Während bestimmter Operationen wird die Körpertemperatur der Patienten auf 18 Grad Celsius herunter gekühlt, sodass der Herzschlag und die Hirnwellen ihre Aktivität einstellen. Anschließend werden sie langsam aufgewärmt: Herz und Gehirn nehmen ihre gewohnte Tätigkeit wieder auf.

Das Cryonics Institute (CI) in der Nähe von Detroit bietet noch viel mehr: Dort werden Menschen in den Kälteschlaf versetzt, in der Hoffnung, eines Tages davon befreit und von ihrem Leid – etwa in Form einer unheilbaren Krankheit – erlöst zu werden.

Die Kryonik geht dabei ein klassisches Risikogeschäft ein. Der Einsatz könnte höher nicht sein: Das Leben selbst. Der Gewinn ist keinesfalls geringer: Leben ohne Krankheit, ein Leben ohne Aussicht auf den baldigen Tod. Ein Risikogeschäft besteht ja bekanntlich aus einem Transfer von Risiken – in diesem Fall die eigene Sterblichkeit – auf ein Unternehmen – das Cryonics Institute – gegen Entgelt – ca. 30000 Euro –, die in Form einer Prämie – das Leben in der Zukunft – ausgezahlt wird.

Denn darum geht es im Grunde: Menschen die sich heute einfrieren lassen, leiden an unheilbaren Krankheiten wie ALS, Krebs oder an den Folgen eines Schlaganfalls. In Zukunft könnte all das heilbar werden. Darauf basiert das Risikogeschäft: Man schläfert jetzt sein Leben ein, nicht wissend, ob man jemals aus dem eiszeitlichen Tiefschlaf geweckt werden kann. Wenn man jedoch geweckt wird, dann ist die Krankheit heilbar und man bekommt die Aussicht auf ein völlig neues Leben in der Zukunft.

Die Menschen, die sich heute einfrieren lassen, stehen i.d.R. kurz vor dem Ableben. Für sie mag der Begriff Risiko irreführend sein, wenn man von Kryostase spricht. Über die Beweggründe dieser Probanden moralisch zu urteilen, verbittet sich daher, jedoch lohnt es, über die technischen Details zu diskutieren, die ein Leben in der Zukunft ermöglichen sollen.

Die Technik, die sich dahinter verbirgt, ist ebenso erstaunlich wie gespenstisch. Die Mediziner am Cryonics Institute gehen dabei wie folgt vor: Zunächst wird das Blut des menschlichen Körpers durch eine Art Frostschutzmittel ersetzt. Erst danach kann der Körper langsam eingefroren werden. Medizinisch betrachtet ist der Proband bereits tot: Der Zerfall der Zellen hat begonnen. Deshalb muss es schnell gehen. Alle bleibenden Schäden, die vor Abschluss dieses tollkühnen Unterfangens entstehen, müssten von zukünftigen Ärzten behandelt werden. Je mehr Zeit vergeht, desto aussichtsloser wird es. Nach über 24 Stunden Zerfallsprozess ist alle Hoffnung zerstoben.

Mehr über die komplizierte Technik lest ihr auf Seite 3.

Technik und Biologie

Die Konservierung im Eis ist nicht gerade unkompliziert. Ohne hydraulische Herzkompressionsmaschine und Beatmungsmaske könnten die Zellen des menschlichen Körpers niemals am Leben gehalten werden. Mehrere Medikamente besorgen den Dauerschlaf. Infusionen beugen der Bildung von freien Radikalen, Stickoxiden und Körpergiften vor. Es gibt keine messbaren Aktivitäten weder im Herz noch im Hirn. Deshalb bleibt die Frage haften: Ist der Mensch nach dieser Prozedur tot?

Juristisch gesehen: Ja! Für den Tiefschlaf am Cryonics Institute stellen Ärzte Totenscheine aus und schreiben darauf „Kryo-Preservation”.

Dennoch: Das Herz pumpt – wenn auch künstlich – Blut durch den Körper und die Zellen werden mit Sauerstoff versorgt. Das Prozedere, das sich in den Särgen am Cryonics Institute abspielt, ist etwas ganz anderes als das, was sich unter der Erde auf konventionellen Friedhöfen zuträgt: Langsamer Zerfall, Würmer, Maden, also alle eher unangenehmen Begleiterscheinungen des Todes.

Genau jene Zerfallsprozesse werden von der Kälte ausgehebelt. Bei den richtigen Temperaturen kommen die chemischen Prozesse zum Erliegen. Zellen, Moleküle, Blutgefäße, Adern – all das bleibt intakt. Die Interaktion der stark vernetzten Neuronen im Gehirn soll nach dem Auftauen reibungslos funktionieren. Biologisch gesehen schützt die Kälte das Gehirn vor dem Verfall.

Zur richtigen Konservierung bedient sich die moderne Kryonik der Vitrifizierung. Diese Technik unterdrückt die Bildung von Eiskristallen, die ansonsten mikroskopische Verletzungen verursachen, die nach heutigem Kenntnisstand als irreversibel gelten. Jeder Kryo-Pionier, der sich heute einfrieren lässt, muss schließlich darauf hoffen, dass die Ärzte der Zukunft alle Schäden heilen können, was auch die durch die Kryostase verursachten miteinschließt.

Der einzige Konkurrent des Cryonics Institute, der ebenfalls eine Kryo-Preservation anbietet, zeigt sich optimistisch. Das Unternehmen Alcor aus Phoenix begnügt sich sogar damit, lediglich den Kopf ihrer Probanden einzufrieren. Wenn in Zukunft alle tödlichen Einflüsse geheilt werden können, dann könnte man doch auch aus der vorhandenen DNA einen gesunden Körper klonen und den Kopf darauf setzen. Was das Institut aus Arizona unter dem klangvollen Namen „Neuro-Präservation” verkauft, mag technisch in ferner Zukunft möglich sein, ist aber wohl wenig vertrauenserweckend und kaum PR-tauglich.

Pionier Alcor will lediglich den Kopf konservieren und später aus der DNA einen neuen Körper klonen. Bildquelle: Alcor
Kryonik-Pionier Alcor will bei seinen Probanden lediglich den Kopf konservieren und später aus der DNA einen neuen Körper klonen. Bildquelle: Alcor

Dabei muss man aber durchaus einräumen, dass die biologische Vielfalt, die man auf der Erde vorfindet, Grund zu der Annahme gibt, dass ein Leben nach einem Tiefschlaf im Eis im Bereich des Möglichen liegt. In der Fachzeitschrift Cryobiology erschien jüngst eine Veröffentlichung, die ein erstaunliches Naturphänomen illustrierte: Eingefrorene Bärtierchen konnten nach 30 Jahren Tiefschlaf wiederbelebt werden und zeugten sogar Nachwuchs.

Ein weiteres Phänomen von Mutter Natur:

Der Waldfrosch (Rana sylvatica), auch Eisfrosch genannt, hat die Fähigkeit entwickelt, seine Körperflüssigkeit im Winter bis zu etwa einem Drittel einzufrieren. Damit seine Körperzellen keinen Schaden durch Eiskristalle nehmen, produziert er ein körpereigenes Frostschutzmittel, bestehend aus Glukose und Harnstoff. Im Cryonics Institute gehen die Operateure sehr ähnlich vor: Blut und Gewebeflüssigkeiten werden durch Ethylenglykol, Formamid und Dimethylsulfoxid ersetzt.

Attraktives Geschäftsmodell mit kleinem Makel

Dieses Geschäftsmodell hat dem Cryonics Institute weltweit Mitglieder beschert: Der Löwenanteil stammt natürlich aus den USA mit über 800 Mitgliedern. In Deutschland gibt es immerhin 37, in Großbritannien 92, in Frankreich 8, in Italien 7 und in den Niederlanden 12. Ganz Europa kommt immerhin auf gute 200 Wagemutige, die den Ideen und Versprechungen der Kryonetiker etwas abgewinnen können und dafür sogar Mitgliedsbeiträge bezahlen. Die Kosten belaufen sich auf 30000 bis 70000 Euro. Wird nur der Kopf eingefroren, fallen bei Alcor Kosten von mindestens 7.000 Euro an. Die Wegbereiter dieser unglaublichen Technik erfahren auch tatkräftige finanzielle Unterstützung von anderen Unternehmen. Der bekannteste Geldgeber ist Peter Thiel. Der Mitbegründer von PayPal und Facebook-Investor hat einen eigenen Fond ins Leben gerufen: Breakout Labs unterstützt seit einigen Jahren Kryonik-Start-Ups.

Die stolzen Summen sind besonders deshalb frappierend, nachdem wirklich niemand sagen kann, ob sich dieses Investment jemals bezahlt macht.

Es sind die vielen Wenn und Abers, die einer Legitimierung der Kryostase als seriöser Wissenschaft im Weg stehen: Das ganze Konzept steht auf tönernen Füßen und ruht bislang auf dem sog. “Tissue-Engineering”. Das ist der Überbegriff für die künstliche Herstellung biologischer Gewebe durch gezielte Kultivierung von Zellen. Dadurch sollen in Zukunft kranke Gewebe ersetzt bzw. regeneriert werden.

Denn fest steht: Die Frostschäden können nicht zu 100% vermieden werden. Einige Neuronen werden beim Einfrieren definitiv in Mitleidenschaft gezogen. Auch deshalb bleibt der Vorwurf haften, dass die Kryoniker ein eiskaltes Geschäft mit einer trügerischen Hoffnung betreiben: Die ganze Technik steht und fällt mit dem optimistischen Glauben daran, dass die Ärzte der Zukunft alle Schäden heilen können. Es trügt der Schein allmächtiger Technikgläubigkeit.

Denn auch dies wusste der Philosophenkaiser Mark Aurel: „Der Schein ist ein gefährlicher Betrüger. Gerade wenn du glaubst mit ernsten und hohen Dingen beschäftigt zu sein, übt er am meisten seine täuschende Gewalt.”