Start Netzgesellschaft Clickbaiting: Biertrinkende Marsianerkatzen sind schockiert

Clickbaiting: Biertrinkende Marsianerkatzen sind schockiert

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Clickbaiting: Biertrinkende Marsianerkatzen sind schockiert

Als wäre unser Leben nicht schon anstrengend genug, werden wir täglich im Minutentakt mit reißerischen Schlagzeilen umgarnt, deren superlativistische Sprachkonstruktionen uns das Fürchten lehren sollen, denn: Wenn Sie das Lesen, ja, dann passiert nämlich… Facebook! Das größte Social-Media-Portal hat Clickbaiting den Krieg erklärt. Ein Kampf gegen Windmühlen? Eine Glosse über den Wahnsinn alltäglicher Überbietungsspiralen im World Wide Web.

OMG – Oh my God. Das was sie hier lesen, wird nicht nur ihr Leben verändern, sondern auch das einiger Marsianer, deren Katzen so unglaubliche Dinge vollbringen, sodass ihr Leben, nachdem es sich ohnehin gerade grundlegend geändert hat, abermals Kapriolen schlägt, wie eben besagte Katzen. OMG – Was stimmt denn nur nicht mit diesen Clickbaitern?

Moment. Das mit den Mars-Katzen, das hat sich dieser Schmierfink von Journalist doch gerade ausgedacht, oder etwa nicht? Okay, zugegeben, stimmt. Doch schauen wir doch einfach mal kurz hinüber zu den “Kollegen” von heftig.de (Stand: 03. Feberuar 11:12) und sehen uns dort ein paar reißerische Überschriften an – ob phantastisch oder nicht, sei zunächst dahingestellt.

“7 gesunde Gründe, Bier zu trinken.” – Und meine Frau sagt immer nach der vierten Halbe… Ach! Lassen wir das. Oh das ist interessant: “Ein natürliches, wirkungsvolles Hausmittel gegen Kopfschmerzen.” Perfekt: Ab sofort kann ich mein Aspiringeld, denn ich leide – wie ein signifikant hoher Anteil der Republik auch – an Migräne, für “gesundes Bier” ausgeben. Großartig. Und wussten sie wozu Hunde alles gut sind? “Treuer Hund bewahrt 7-Jährigen vor diabetischem Schock.” Tja, wer hätte das gedacht? Nun aber ab in die Tierhandlung, die Stammkneipe liegt ohnehin auf dem Weg.

Natürlich klicken solche Nachrichten: Wer hört nicht gerne, dass seine “Sünden” angeblich gar keine wären. Fürs Protokoll: Bier ist sicher vieles, aber nicht unbedingt “gesund”. Quelle: pixabay.com

Doch davor bekomme ich es dann doch mit der Angst zu tun: “Hilfe! 100 Jahre alte Mumie öffnet die Augen.” OMG – Tote Lebende? Lebende Tote? Also jetzt hat der Spaß – bayerisch auch Gaudi – ein Loch. Dafür gibt es keinen Klick. Das geht zuweit! Too much information! Darüber möchte ich nichts wissen, das ist ja zum Fürchten. LOL.

Zeitraubendes Vergnügen

Doch nun mal Spaß beiseite: Wie zeitraubend ist bitte Clickbaiting? Und wer kennt das nicht? Die ganzen überzogenen Überschriften, emotional gespickt mit Superlativen in treffsicheren Internetjargon, garniert mit ausdrucksstarken Adjektiven und unerwarteten Wendungen, deren Offenbarungen sonst was versprechen? Natürlich ist man hin und wieder geneigt, zu klicken und zu lesen – zumindest bis einem entweder die Enttäuschung förmlich ins Gesicht schlägt, (weil nicht gehalten wurde, was versprochen ward), oder bis man der Tollereien aus Jux und Laune überdrüssig geworden und die ganzen Übertreibungen nur noch nerven.

Zeitraubend ist das, bisweilen anstrengend. Natürlich möchte man dann doch wissen, warum “Äpfel gesundheitsschädigend” sind, wie man sich im “Winter auf keinen Fall eine Grippe zuzieht” und wie man “etliche Kilos los wird, obwohl man soviel Essen darf, wie man möchte”. Klar will man den ganzen Bullshit nicht immer wissen, aber jeder Mensch hat so seine Lebensthemen, bei denen es einfach “triggert” und er geneigt ist, die kleine Hürde des Klicks doch zu nehmen. Wer weiß denn auch, was da kommen mag bzw. geschrieben steht. Vielleicht ist es ja doch interessant.

Früher war alles besser?

Für kritische Beobachter, vornehmlich jene, die seit jeher Aversionen gegen dieses “Internet als unsägliche Modeerscheinung” hegten, steht zweifelsfrei fest: Früher war das einfach besser. Klar in den 1980er Jahren wäre Clickbaiting auch noch ein progressiver Ausdruck avant la lettre gewesen. Doch ist die Methodik, die sich dahinter verbirgt, keinesfalls neu. Clickbaiting in analoger Form ist so alt wie das Mediensystem selbst.

Schon die “Aviso Relation oder Zeitung”, eine der ersten deutschsprachigen, erschienenen Zeitungen, konnte das Versprechen ihres Titels vom 15. Januar 1609 kaum halten. “Was sich begeben vnd zugetragen hat / in Deutsch: vnd Welschland / Spannien / Niederlandt / Engellandt / Franckreich / Vngern / Osterreich / Schweden / Polen / vnnd in allen Provintzen / in Ost: vnnd West-Indien etc.” Auf wenigen Seiten lässt sich nun mal eine Geschichte der Welt nicht nachzeichnen, zumal der Inhalt eher folkloristisch und anekdotisch war, also denkwürdiges Zeugs halt, wer, wann und wo seinen Allerwertesten mit Klopapier aus Gold umsorgte und welcher König der reichste von allen war, pipapo.

Reißerische Titel und aufmerksamkeitserregende Bilder waren auch schon im Jahre 1517 angesagt. Quelle: wikipedia.org

Wenn überhaupt dann steht fest: Schon immer versuchen Medienschaffende mit überspitzten Headlines, Superlativen und Neugierlücken ihren Abverkauf anzukurbeln. Die Flugschrift von Reinhard Lutz wurde 1571 mit der reißerischen Überschrift “Warhafftige Zeitung von den Gottlosen Hexen, auch Ketzerischen und Teufels Weibern…” versehen. 2017 titelt tierfreund.co “Ärzte entfernen Python aus dem Ohrloch von Besitzerin.” Ob es sich dabei auch um eine Hexe handelte? Diese Erklärung bleibt uns der Autor noch schuldig.

Das ist Heftig

Doch die Königin aller Clickbaiter ist ganz klar „heftig.co“. Beispiele aus diesem Portal führen einem sehr gut die Perfidität vor Augen, und dass Clickbaiting eben nicht immer nur eine Lachnummer ist. Am 25.11.2016 erschien folgender Titel: „Diese Frau ist zwei Wochen von zu Hause weg. Als sie sieht, was ihr Mann mit ihrer Tochter macht, flippt sie aus.“ Dazu ein Bildausschnitt, der die hängenden Beine eines Kinderkörpers zeigt.

Es muss nicht extra erklärt werden, welche bitterbösen Erwartungen bei der Leserschaft geweckt werden sollten. Umso zynischer die Auflösung: Die Tochter isst Fast-Food, bekritzelt Wände und spielt in einem T-Shirt auf der Kleiderstange. Man fragt sich, wo der Skandal sein soll: Ein Vater, der seine Tochter an der langen Leine lässt? Wenn überhaupt, hätte man darüber berichten können, dass Vater und Mutter offensichtlich die Erziehungsarbeit unter sich aufteilen. Aber ein Verbrechen an einem Kind zu implizieren? Tja, das ist heftig.

Gleichwohl haben die Heftig-Macher mit ihrem Startup eine beispiellose Erfolgsgeschichte in der deutschen Social-Media-Landschaft hingelegt. Das Erfolgsrezept: Clickbaiting par excellence, reißerische Themen, animierende Anbeißer, etc.

Facebooks Kampf gegen Windmühlen

Doch Portale wie “heftig.co” haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der Besitzer der größten Online-Taverne, in der Ratsch und Tratsch durch die virtuellen Räume mäandert, macht nicht mehr mit bei dem Quatsch. Und man weiß ja wie das ist: Wer sich mit dem Wirt anlegt, bekommt Hausverbot und fliegt. Zumindest hat Facebook angekündigt, einen Algorithmus zu starten, der typische Clickbait-Überschriften und die Seiten, von denen diese stammen, ermittelt. Die Seiten würden dann in Zukunft bemerken, dass ihre Artikel weniger häufig im sozialen Netzwerk verbreitet werden. Denn: Clickbait-Überschriften verschweigen relevante Informationen, um Klicks zu generieren. Sie sollen in Zukunft weniger bei Facebook auftauchen, kündigte das Netzwerk an.

„Unser System identifiziert Clickbaiting-Postings und die dazugehörigen Seiten und Web-Domains“, schreibt Facebook in seinem Unternehmensblog. „Von dort gepostete oder geteilte Links werden weniger im Newsfeed erscheinen.“ Das Programm sei so ausgelegt, dass es mit der Zeit dazulerne. Ändern Seiten ihre Strategie und fahren das Clickbaiting zurück, würde Facebook dies erkennen und belohnen, heißt es weiter.

Zensur?

Zensur! Zensur! Zensur! oder doch: Zensur? Repräsentative Mitglieder seriöser journalistischer Formate zeigen sich eher unbesorgt darüber. “Die Arbeit speziell mit Facebook ist ohnehin ein ständiges Experiment”, glaubt Zeit-Online-Chef Jochen Wegner. Dass die Publisher am Ende profitieren, glauben er und seine Kollegen nicht.

„Es ist auch jetzt schon nicht einzig entscheidend, dass wir selbst Inhalte auf unseren Seiten teilen“, so der oberste Social-Media-Stratege von Spiegel Online. „Der Kern der Reichweite und des Referrer-Traffics – Traffic durch externe Verlinkungen – wird durch die Nutzer selbst erzeugt.“ Es sei bereits jetzt so, dass Nutzer jeden Tag viele Geschichten weiterverbreiten, um sie mit ihrer eigenen Community zu teilen und zu diskutieren. „Insofern sind wir da erstmal sehr gelassen.“

Klar: Der Köder muss dem Fisch schmecken. Als angenehm empfindet man i.d.R das, was man erwartet zu schmecken, wenn man zuschnappt – das gilt beim Essen wie beim Lesen.

Eine alte Agenturweisheit besagt ohnehin: Die Köder müssen den Fischen schmecken, nicht dem Angler. Das ist klar schwierig, wenn nicht das geboten wird, was die Überschrift verspricht. Das ist besonders ärgerlich dann, wenn es um seriöse Themen geht.

Als sich jüngst die Konturen abzeichneten, dass der neue amerikanische Präsident – God save the Queen – das multilaterale Handelsabkommen mit mehreren asiatischen Ländern, kurz: TPP, kippen wird, bedienten sich mehrere Online-Portale eines ausgebufften Kniffs: Statt TPP titelten ihre Online-Überschriften TTIP, dessen Abkürzung ja bekanntlich für ein ganz anderes, nämlich europäisches Abkommen steht. Klar in der Nomenklatura macht dieser “Flüchtigkeitsfehler” nur einen kleinen Unterschied, aber wenn man ehrlich darüber nachdenkt: TTIP hat für europäische Zeitungsleser dann wohl doch einen fundamental anderen Stellenwert als TTP.

Gut, okay, Im Grunde war es natürlich einerlei: Trump tritt sowieso beide Abkommen mit Karacho in die Tonne, also was soll’s: “Das was Trump jetzt vorhat, wird zu 100% der nächste supermegasteile Cliffhanger.” OMG.

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Benjamin Schulz
Der Diplom-Historiker Benjamin Schulz, geboren 1987, befasste sich während seines Studiums umfassend mit Rezeptions-, Kultur- und Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Der angehende Doktorand erfreut sich an einem breitgestreuten Interesse, das weit über Historiographie hinausgeht. Sein Motto: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie bietet eine erfrischende Inspiration, zukünftigen Ideen und Entwicklungen mit kritischen und offenen Augen zu begegnen. Denn früher war gewiss nicht alles besser! <br /> <br /> <strong>Themen:</strong> Industrie 4.0, Welternährung, Forschung, Smart City und vernetzte Umwelt.