Der Fall Gina Lisa: Ein Opfer kommt selten allein!

Durch ihre Medienpräsenz avancierte eine It-Girl-Ikone zur Gallionsfigur einer viralen Debatte um Feminismus und Sexismus im Strafrecht. Nach ihrer Verurteilung wegen falscher Beschuldigung müssen wir uns nicht mehr fragen: Taugt Gina Lisa zum Sinnbild für eine überfällige Reform des Sexualstrafrechts? Sondern vielmehr: Wem gereichte die erhöhte Medienaufmerksamkeit eigentlich zum Vorteil bzw. zum Nachteil? Fest steht: Etwas verloren haben alle Beteiligten. Eine Chronik.

“Nie wieder würde ich anzeigen.” Überhaupt gehe es niemanden etwas an, was sie mache und sie wolle jetzt auch nichts mehr sagen. So Gina-Lisa Lohfink nach dem Prozess, in dem sie wegen vorsätzlicher, falscher Beschuldigung zu 20.000 Euro verurteilt wurde. Für die Reporter von RTL war dieser Mitschnitt zu langweilig und offenbar nicht relevant genug. Gesendet wurde er jedenfalls nicht.

Dem Schlussplädoyer ihres Verteidigers Burkhard Benecken zur Folge, hätte das “Team Gina-Lisa” mit einem anderen Ausgang gerechnet: “Dies ist der Fall, der zu einem neuen Gesetz geführt hat, das die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen in Deutschland verbessert. (…) Das ist ein riesengroßer Erfolg von Frau Lohfink.” Sollte das Vorgehen der Staatsanwaltschaft im Fall Lohfink Schule machen, “dann gute Nacht für alle Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind oder zumindest zur Polizei gehen und das behaupten”.

Gleichwohl gelangte der Anwalt Lohfinks überraschenderweise zu dem Schluss, dass seine Mandantin die beiden Männer nie der Vergewaltigung bezichtigt habe. Zumindest “nicht explizit”. Allein deshalb könne sie auch niemanden zu Unrecht beschuldigt haben. Die logische Konsequenz wäre demnach gewesen: Freispruch.

Doch diese Logik hakt: Das vermeintliche Opfer, das dann doch nicht vergewaltigt wurde, aber zum Opfer einer sexistischen Justiz erklärt wurde, sollte also wenigstens zum entscheidenden Impuls für eine verschärfte Gesetzgebung stilisiert werden und als Mahnmal dafür herhalten, was tatsächliche Opfer von sexueller Gewalt besser tun und lassen sollten? Eine seltsame Logik, eine Logik, die man gut und gerne – mit dem neuesten Modewort des Polit-Jargons – als postfaktisch bezeichnen könnte.

Ein schwarzer Tag für die Frauen in Deutschland?

Das abschließende Plädoyer der Richterin Ebner ändert daran erst mal wenig: “Es ist kein Blümchensex zu sehen”, sagte Ebner über die Videos. “Was man sieht, ist nicht jedermanns Geschmack. Aber nirgendwo ist zu sehen, dass Frau Lohfink sich nicht wohlfühlt.” Das lange zurückgehaltene und am letzten Verhandlungstag eingereichte Attest diene als weiterer Beweis dafür, dass Lohfink bewusst wahrheitswidrig ein Verbrechen angezeigt habe – und zwar “mit allen Konsequenzen für die Angezeigten”.

Dem Verteidiger entgegnete die Richterin: Es sei eben nicht “der Fall”, dass der Prozess ein Riesenerfolg für Lohfink sei. Stattdessen hätten schon die Vorgänge in der Silvesternacht in Köln dazu geführt, dass Deutschland sein Sexualstrafrecht verschärft habe.

Und weiter: “Wir haben hier schon Männer verurteilt, obwohl wir nichts anderes hatten als die Aussage der Frau und die Aussage des Mannes.” Richterin Ebner bedauert, dass Frau Lohfink es vorgezogen habe, sich nicht vor Gericht zu äußern. Die öffentlichen Statements von Lohfink und ihren Anwälten vor den Kameras klassischer Medien und in Foren zahlreicher Online-Medien seien für “nicht prozessrelevante Interessen” und “Eigen-PR” missbraucht worden.

Verteidiger Benecken zeigte sich unbeeindruckt und sprach von einem “schwarzen Tag für die Frauen in Deutschland”.

Widersprüche und Kuriositäten

Ja was stimmt denn nun? Vieles. Aber auch nicht viel. Ein Widerspruch? Ja, aber einer der sich womöglich auflösen lässt. Fest steht: Der mediale Wirbel um Lohfink spülte mehr Werbeeinnahmen in die Kassen des Boulevard – von überbordenden Conversions (also erhöhten Klickzahlen online) ganz zu schweigen. Die Einschaltquoten des Dschungelcamps werden wohl nicht darunter leiden, dass die sonst unpolitische Lohfink – zur politischen Aktivistin erhoben – viral durchs Netz und alle sonstigen Medien waberte. Das Honorar für Gina-Lisa beträgt laut Recherchen der Bild übrigens 150,000 Euro – der ausschlaggebende Grund warum sich die Geldstrafe auf 20,000 Euro bezifferte.

Dass sich aus einer erfundenen Vergewaltigungsgeschichte kräftig Kapital schlagen lässt, beweist nicht zuletzt der Fall von Claudia D., die den Wettermoderator Jörg Kachelmann zu Unrecht der Vergewaltigung bezichtigte. Sie kassierte 115,000 Euro für ein Exklusivinterview mit der Bunten sowie für ihre Filmrechte an dem Vorfall. Honi soit qui mal y pense – ein Schelm wer Böses dabei denkt.

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Sie taugt wohl eher nicht als Galionsfigur, jedoch laufen auch die vielen Vorurteile an der Realität vorbei. Quelle: wikipedia.org

Eine Kommentatorin des Tagesspiegels titelte: “Von der Trash-Ikone zum neuen Symbol der Feministinnen: Gina-Lisa Lohfink, das It-Girl und Model, wird von allen benutzt.”
Der Journalist und Jurist Christian Bommarius hielt dagegen und kritisierte die vorschnelle Solidarisierung von Politikerinnen wie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig: „Lohfink ist wegen falscher Verdächtigung verurteilt worden – das Urteil dürfen ihre Unterstützerinnen auch auf sich selbst beziehen.“ Die Frage, wer das eigentliche Opfer ist (oder die eigentlichen Opfer sind) scheint umstritten.

Wahr ist: Lohfink hat den ersten Prozess, in dem es um den Vorwurf der Vergewaltigung ging, verloren. Was die Vermarktung ihrer Person und die Instrumentalisierung der Öffentlichkeit anbelangt, könnte man sie als Gewinnerin darstellen. Selbst die Washington Post resümierte, dass der Fall Lohfink die Sprengkraft besäße, Deutschland zu spalten und die Debatte über eine Verschärfung des Sexualstrafrechts voranzubringen. Beides war eher nicht der Fall. Vielmehr scheinen sich in den Sphären der Online- und Printmedien viel zu schnell zwei Lager zusammengetrommelt zu haben, die bar jeder Faktengrundlage ein unzureichendes Bild über Gina-Lisa Lohfink gezimmert haben.

Die eine Gruppe nahm das frühere IT-Girl schnell unter ihre Fittiche und wurde nicht müde, ihre symbolische Rolle als Vorkämpferin für eine neue, gerechtere Sexualgesetzgebung zu betonen. Die andere Gruppe wies ihre Klagen zurück und bezichtigte sie, einfach alles dafür zu tun, nur um berühmt zu werden. Klar, dass weder die eine noch die andere Gruppe diesen – auf das einfachste reduzierten – Diskurs für sich entscheiden konnte.

Zwei Seiten einer Medaille

Zwei Journalistinnen der Süddeutschen Zeitung, die Gina-Lisa Lohfink über ein halbes Jahr lang begleitet haben, setzen mit ihren sachlichen Analysen richtungsweisende Impulse hin zu mehr Sachlichkeit: “Ist Gina-Lisa auf dem Video aus der Nacht benebelt? Ja. Ist sie weggetreten? Nein. Sagt sie laut und deutlich Nein zu sexuellen Handlungen? Ja. Hören die Männer dann damit auf? Ja, aber nicht sofort. Respektieren sie Gina-Lisa? Null. War für die beiden Männer in der Situation erkennbar, dass Gina-Lisa das als Vergewaltigung empfindet? Nein. Ist es nachvollziehbar, dass Gina-Lisa das, als sie es später sieht, als Vergewaltigung empfindet? Ja. Ist das widersprüchlich? Ja. Ist es ehrlich? Ja. Auch.”

Widersprüchlichkeit? Ist das das Geheimnis hinter der Person Gina-Lisa Lohfink? Dass ihr Charakter von unauflösbaren Widersprüchen gekennzeichnet ist?

Aus eigener Sicht hält Lohfink sich für ein Opfer einer sexistischen Justiz. Nach Verkündung des Urteils stürmte Lohfink unter Tränen aus dem Saal. Vorher hat sie noch einmal festgestellt, dass sie nicht vor Gericht stehe, um berühmt zu werden, dass sie weder den Sex noch die Filmaufnahmen gewollt hätte und dass das, was die beiden Männer ihr angetan hätten, pervers gewesen sei. Sie sei keine Pornodarstellerin, Hure oder Schlampe. Abschließend ein programmatischer Satz: “Ich überlege mir jetzt, mein Abitur zu machen und zu studieren.”

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Justitia in Deutschland: Eine Sexistin? Das “Team Gina-Lisa” will dagegen ankämpfen. Quelle: wikimedia.com

Der Satz passt gut zu dem Ratschlag, den sie ihren, besonders jüngeren Fans erteilt: “Ich bin keine Hure, keine Schlampe. Ich warne alle Mädchen: Werdet nicht berühmt. Es ist eine schlimme Welt.” Das klingt ein bisschen so als seien “das Abitur haben” und “berühmt sein” zwei sich widersprechende Dinge. Doch wie gesagt, die Biographie von Lohfink ist nicht frei von Widersprüchen.

Nach ihrem Debut bei Germany’s Next Topmodel 2008 folgten Auftritte in Fernsehsendungen wie Das perfekte Promi-Dinner oder Die Alm. 2017 wird sie im Dschungelcamp durchstarten, ein Auftritt, der ihren C-Promi-Status weiter festigen wird. Doch ohne Status, keine Kohle in einer Welt kunterbunter Events, bei denen Gina-Lisa stundenlang im Rampenlicht steht und fotografiert wird: Eröffnungen von Diskotheken, Dessousläden, Erotikmessen. Über sich selbst sagt Gina-Lisa: “Ich bin oft nur Dekoration.” Ihre Freizeit ist geprägt von Besuchen im Solarium, Fitnessstudio und Drogeriemarkt. Ihre Arbeit charakterisiert sie so: “Es muss alles perfekt rüberkommen.”

Ein Satz, der in ihrer Branche vollkommen richtig ist, aber vor Gericht mehr als Scharade denn als Souveränität aufgefasst werden musste. Die beiden Journalistinnen der Süddeutschen Zeitung urteilten hierzu: “Gina-Lisa ist kein gutes Opfer. Nicht wegen ihrer gemachten Brüste, der aufgespritzten Lippen oder der angeklebten blonde Haare, nicht, weil es ihr Beruf ist, sich zu inszenieren – sondern weil sie es auch vor Gericht tut.”

In der Tat besteht kaum Zweifel darüber, dass das “Team Gina-Lisa” der Inszenierung mehr Beachtung schenkte als einer ordentlichen Prozessführung. Vor Gericht erschien Lohfink nicht ohne Begleitung, also zusammen mit ihrem neuen Manager, Gesangspartner, zwei Anwälten und einem eigens gewählten Kamerateam. Haare, Kosmetik, Kleidung, Stil, Gestik, Mimik und Auftritt änderten sich von Tag zu Tag. Dass Richterin und Staatsanwältin dies zum Teil als Taktik bewerteten, ist nachvollziehbar und schwer wegzudiskutieren.

Ungereimtheiten

Skepsis kam schon viel früher auf. Am 8. Juni 2012 erstattete der Anwalt Lohfinks erstmals Anzeige. Erst am 15. Juni wurde die Anzeige um den Vorwurf der Vergewaltigung erweitert. Es wurden zig Briefe zwischen Anwalt und Staatsanwältin hin- und hergeschrieben, um einen Termin zu finden. Doch noch am Vorabend sagte die Managerin von Gina-Lisa das Treffen ab. Für die Staatsanwältin ein Zeichen, dass die junge Klägerin die Anklage nicht ganz Ernst nahm. Zurecht?

Die beiden Männer wurden jedenfalls zu Geldstrafen von 4500 und 5400 Euro verurteilt, weil sie die Videos gegen Gina-Lisas Willen veröffentlicht haben. Eine Vergewaltigung sei darauf nicht ersichtlich, befand die Staatsanwältin und ging von Amts wegen gegen Gina-Lisa vor: wegen Falschbeschuldigung. Damit kam der Stein einer gigantischen Medienpräsenz erst richtig ins Rollen und entlud seine Wucht mit dem Auftakt des Prozess am 26. Juni 2016. Zu diesem Zeitpunkt diskutierte schon die halbe Republik, was genau “Nein” bedeutet und wann eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung ist – und wann nicht! Ein “Hör auf” sei eben deutlich genug.

Interessanterweise haben Anwalt Benecken und Lohfink bereits in einem Fernsehauftritt im Januar 2016 von der angeblichen sexuellen Gewalt erzählt. Auch der ergangene Strafbefehl wegen falscher Verdächtigung kam zur Sprache. In der Sendung wurde ein Nacktfoto von Lohfink aus der “Tat-Nacht” gezeigt und ihre Bitte “Hör auf” eingespielt. Dieses “Hör auf” – Sinnbild einer ganzen Kampagne – verhallte damals im Nirgendwo. Erst das Echo, das im Juni aus der Deckung hervorbrach, empörte Bundesministerin, Justizminister, Feministinnen und große Teile der Medienlandschaft – munter begleitet von (oft grenzwertigen) Empörungen und Entgleisungen auf Facebook, Twitter, Instagram und co.

Theater im Prozess

Unabhängig davon war es womöglich keine gute Strategie, während eines laufenden Strafprozesses ein mediales Feuerwerk zu entzünden. Zumal manche Signale diskursiven Sprengstoff enthielten. Während sich am zweiten Prozesstag vor dem Gericht Hunderte Frauen solidarisch mit Gina-Lisa zeigten, drückte Lohfink ihren Dank aus und schenkte einer Demonstrantin einen Hundert-Euro-Schein mit der Devise: “Geht schön was trinken.” Die Aktivistin nahm ihn.

Im Gerichtssaal bestanden Gina-Lisas Anwälte mehrfach auf Verhandlungspausen. Draußen warteten die Kameras. Das Kern-Team Gina-Lisa wurde in zahlreichen Interviews nicht müde zu betonen, dass hier im Namen aller gegen sexistische Gesetze gekämpft wird. Der Prozess wurde großteils medial geführt. Im Saal schwieg Lohfink. Ihr Anwalt verstrickte sich in einer Wortklauberei: Gina-Lisa habe der Polizei gegenüber nie gesagt, dass sie vergewaltigt worden sei, sondern nur, dass sie den Sex nicht gewollt habe.

Streit war vorprogrammiert: “So viel Unfähigkeit habe ich noch nie erlebt”, warf Gina-Lisas Anwalt der Staatsanwältin vor, doch diese entgegnete: “Gleichfalls.” Die Gerichtssprecherin brachte es auf den Punkt: “Hier wird heute so viel inszeniert, ich komm mir vor wie im Theater.”

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Inszenierung und Fotoshootings ja! Im Gericht eher unpassend. Quelle: pixabay.com

Dazu passt natürlich, dass zwei Privatsender den Prozess ständig mit der Kamera begleiteten. Eine skurrile Situation blieb der Öffentlichkeit nicht verborgen: Anwälte und Kamerateam philosophierten vor der Richterin über den nächsten Drehort und die am besten passende Kulisse. Das Amtsgericht war ja schon im Kasten.

Staatsanwältin Corinna Gögge monierte – womöglich nicht ganz zu Unrecht – die Dreistigkeit, mit der die Verteidigung diesen Prozesse geführt habe: mit einer “permanenten Verdrehung der Tatsachen”. Kurzum: Es sei “eine Verhöhnung und Irreführung aller Frauen und Männer, die tatsächlich Opfer einer Straftat geworden sind”.

Richterin Antje Ebner bedauerte, dass es viele Fragen gegeben habe, die sie Frau Lohfink nicht habe stellen können, weil die Verteidiger dies nicht zuließen. Eine der Fragen hätte gelautet: Wie konnte es sein, dass Frau Lohfink sich am Abend nach der Vergewaltigung fit genug fühlte, um mit einem ihrer angeblichen Vergewaltiger erneut Sex zu haben und dass trotz der ihr zugefügten Wunden, über die sie so klagte?

Was genau in der besagten Nacht passiert ist, können ohnehin nur Pardis F., Christian C. und Frau Lohfink wissen. Die Justiz musste sich bei der Urteilsfindung auf 18 kurze Filmmitschnitte berufen, die als Beweis für die falsche Vorwürfe herhalten sollten. Die Auswertung des Videomaterials bereitet bestenfalls Kopfschmerzen, denn Eindeutigkeit wird daraus nicht zu gewinnen sein. Die Szenen sind höchst ambivalent – to say the least!

“Hör auf! Hör auf! – Ich lösch auch gleich alles wieder!”

“Hör auf! Hör auf! – Hör auf! Mann! Ein Foto reicht!”

Gina-Lisa sagt darauf “Nein” zum Filmen doch auch zu sexuellen Handlungen, die dann nolens volens aufgegeben werden. Mal wirkt Lohfink genervt: Einer der beiden Männer nähert sich, scherzt, baggert, versucht sie zu küssen, doch sie schiebt ihn weg und streckt ihm den Mittelfinger entgegen. Dann nähert er sich von der anderen Seite des Bettes mit denselben Avancen und sagt: “Dein Gesicht ist bombe.” Die Reaktion: Gina-Lisa lächelt.

Andere Szenen manifestieren die Widersprüchlichkeit nur noch mehr. Gemeint sind Szenen, in denen die Verurteilte sich dagegen wehrt, dass ihr ein Penis in den Mund geschoben wird, Ausschnitte, in denen sie abwechselnd von beiden Männern penetriert wird, Sequenzen, in denen sie klar und deutlich Nein sagt, als an ihren Haaren gezogen, ihr Hals gewürgt wird oder ihre Brüste geschlagen werden. Dann wiederum erscheinen Bilder, in denen sie schläft, Alkohol trinkt, lacht, tanzt und mitsingt, während im Hintergrund Hip-Hop von Sido läuft. Doch fehlen Szenen, in denen Gina-Lisa laut wird oder gar die Wohnung verlassen will, aber auch Sequenzen, in denen sie Gefallen äußert oder Gemachtes initiiert.

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Die zur Beweisführung beschlagnahmten Bewegtbilder sind alles andere als eindeutig. Fest steht, dass die beiden Verurteilten einen Vergewaltigungsporno gedreht haben, um ihn gewinnbringend zu verkaufen. Quelle: pixabay.com

Das Gericht musste aufgrund dieser Faktenlage prüfen, ob der Sex einvernehmlich war. Laut Gesetz war er das, solange Gina-Lisa nie in einer schutzlosen Lage war. Das war sie nicht. Zumindest gibt es dafür keine Beweise. Dennoch war auch der Richterin und Staatsanwältin klar, dass hier offensichtlich versucht wurde, einen Vergewaltigungsporno zu drehen – bedauerlicherweise ein Genre, das auf großen XXX-Plattformen wie YouPorn und PornHub frequentiert wird. Ermittelte SMS und E-Mails belegen, dass die beiden Männer genau das beabsichtigt hatten. Man wollte steile Bilder produzieren, die man gewinnbringend verkaufen konnte.

Einvernehmlicher Sex?

Am letzten Verhandlungstag zog Verteidiger Burkhard Benecken das Attest einer Frauenärztin aus seiner Aktenmappe, das die Ermittlerin des Landeskriminalamts schon 2012 eingefordert hatte. Lohfink hatte behauptet, diese sei vom Anblick ihrer Wunden “geschockt” gewesen. Richterin Ebner verliest den Untersuchungsbefund der Gynäkologin: ”Keine frischen oder älteren Hämatome, keine Kratzspuren, keine Verletzungen.”

Der toxikologische Gutachter Torsten Binscheck-Domaß von der Berliner Charité erkannte Null Hinweise auf den Einsatz von K.O.-Tropfen: “Die Frau Staatsanwältin und ich kennen Videos, in denen nachweislich K.O.-Tropfen verabreicht wurden, in denen sieht man bewusstlose Frauen, die wie Gummipuppen rumgeschleppt werden. Die können nicht tanzen und rauchen und sprechen, die können nicht ihre Managerin anrufen und Pizza essen.” Alles Dinge, die Lohfink im fraglichen Zeitraum getan hat – wenn man den Videoaufnahmen Glauben schenken darf.

Die Ungereimtheiten überschlugen sich: In der ersten Strafanzeige hieß es, es habe “einvernehmlichen” Sex gegeben. Dann die zweite Nacht, die sie nach der angeblichen Vergewaltigung nochmal mit ihrem angeblichen Peiniger verbrachte. Das Telefonat, das Lohfink von der Wohnung aus führte, in der sie angeblich noch immer festgehalten und bedroht wurde. Das Telefonat, in der sie der Managerin mitteilte, sie esse noch eine Pizza und werde dann kommen. So fragte die Staatsanwältin Gögge: “Wenn sie Gelegenheit hat zu telefonieren, wieso wählt sie dann nicht die 112?”

Für “einvernehmlichen Sex” sprechen auch die Textnachrichten, die Gina-Lisa Lohfink nach der Nacht, in der sie vergewaltigt worden sein soll, an Pardis F. geschickt hat: “Geht’s dir gut? Ich vermisse dich”. Und: “Würde jetzt so gerne in deinen Armen einschlafen. Kuss”.

Rechtsanwalt Burkhard Benecken hielt auch dafür eine passende Antwort parat: Gina-Lisa Lohfink habe erst einige Tage nach der umstrittenen Nacht das Video gesehen, “auf dem ihr entgegenstehender Wille durch Nein-Rufe und Hört-auf-Aussagen dokumentiert” sei. Erst zu diesem Zeitpunkt sei seiner Mandantin überhaupt bewusst geworden, was ihr die beiden Männer angetan hätten. Gina-Lisa Lohfink gab vor, in der infrage stehenden Nacht einen Filmriss gehabt zu haben. Dieser Logik folgend, ließ sie es sich auch nicht nehmen, Bundesjustizminister Heiko Maas persönlich zu ihrem Prozess einzuladen, damit er sich ein Bild machen könne, “wie in der Praxis mit Rechten von Opfern sexueller Gewalt umgegangen wird”.

Ein paar Wochen nach dem Schuldspruch trägt Gina-Lisa Lohfink im Rahmen einer Kunstperformance in schwarzer Trauerkluft ihre Privatsphäre zu Grabe – sie, die selbst Telefonnummern von Boulevardreportern im Handy gespeichert hat, um anzurufen, falls ein entsprechender Event es zulässt: wie an dem Abend, an dem sie zufällig Jérôme Boateng begegnete. Mal wieder ein Inszenierung. Doch diesmal vielleicht eine, die an der Realität gar nicht soweit vorbei zielte.

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Nicht nur Lohfinks Privatsphäre wurde “zu Grabe getragen”. Quelle: pexels.com

Privatleben vs. Medienbusiness

Wenn man ehrlich ist, dann hatte Lohfink für einen Prozess mit übersteigerter Medienaufmerksamkeit denkbar schlechte Voraussetzungen. Ihre beruflicher Karrieregang wurde ihr immer wieder aufs Brot geschmiert, obwohl völlig klar ist, dass das eine – ihr IT-Girl-Status – nichts mit dem anderen – einer möglichen Vergewaltigung – zu tun hat. Ihre Teilnahme an der “Erotikmesse Venus” wurde ebenso lauthals artikuliert wie ein älterer Werbespot in dem sie höhnisch fragte: “Wer ist die Billigste im ganzen Land?” – ein Spot übrigens, den der Werberat verurteilte, da er Frauen als “leicht verfügbar” denunziere.

Überhaupt ließen Journalistinnen und Journalisten ihrer Phantasie freien Raum, wenn es um die nächste spritzige Bezeichnung ging, dem Phänomen Gina-Lisa beizukommen: “Partygirl”, “Reality-Sternchen”, “vollbusige Blondine“, “das sogenannte It-Girl” usw. – nicht gerade hilfreich.

Selbstverständlich sollte es in einem Prozess um Vergewaltigung egal sein, womit eine Frau ihr täglich Brot verdient. Angewidert von den Abgründen der Promiwelt, protokollierten Beobachter aus dem akademischen Spektrum minutiös die Nagellackfarben von Lohfink. Wo da der journalistische Mehrwert sein soll, weiß kein Mensch. Fairerweise muss man jedoch einräumen, dass Lohfink und ihr Team nicht nur von außen künstlich inszeniert wurden, sondern fleißig dazu beigetragen haben, den Prozess zu einer bühnereifen Farce verkommen zu lassen.

Verloren haben am Ende alle Beteiligten: Gina-Lisa Lohfink muss künftig als Musterbeispiel für falsche oder fragwürdige Vergewaltigungsklagen herhalten. Die Stilisierung zur großen Feministin und Vorkämpferin, die nun zerbrochen scheint, hätte auch in ihrem Interesse nicht sein müssen. Ihr Privatleben wurde viel zu sehr Gegenstand des Prozess – ein Vorwurf der zwar auch sie selbst trifft, jedoch hat die Presse niemand gezwungen, eine ernste Thematik mehr als Reality-Show aufzufassen. Die vielen veröffentlichen Details der Sex-Videos stellen für niemanden einen willkommenen Eingriff in die Intimsphäre einer Privatperson dar – so prozessrelevant sie auch gewesen sein mögen.

Sexismus und Rechtsstaat

Alice Schwarzer und Lohfinks Anwalt benennen die eigentliche Lektion dieses Urteils so: Der Ausgang des Prozesses sei eine Warnung an Frauen, sich bei Sexualdelikten lieber nicht an die Gerichte zu wenden. Das ist natürlich überzogen, im Grunde völlig falsch und schadet enorm. Überhaupt ist mit dem lauthals artikulierten Vorwurf, dass sowohl Staatsanwältin und Richterin einer patriarchalischen Justiz gehörig sind, deren tief verwurzelter Sexismus gar nicht befähigt sei, Vergewaltigungsopfern Recht zu verschaffen, mehr als haltlos. Chemtrails, der Mottenmann und andere Verschwörungstheorien lassen grüßen.

Doch wie ist denn um den angeblich sexistischen Rechtsstaat bestellt, dessen Sexualstrafrecht als “zu zahnlos” diffamiert wurde. Fakt ist: Die Zahl der Sexualdelikte sinkt in Deutschland seit Jahren kontinuierlich. Das Sexualstrafrecht wurde in den vergangenen 20 Jahren mehrfach modifiziert. 2009 griff sogar der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein und zog der deutschen Regelungen zur Sicherungsverwahrung die Zähne.

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Falsche Verdächtigungen machten 2015 lediglich 0,3 Prozent aller polizeilichen Ermittlungsfälle aus: Kein Grund, sich nicht an deutsche Gerichte zu wenden. Quelle: pixabay.com

Die Warnung an Frauen, sich bei Sexualdelikten lieber nicht an die Gerichte zu wenden, ist blanker Hohn. Im Jahr 2015 fanden bei über sechs Millionen registrierten Straftaten bloß 519 Ermittlungen wegen “Vortäuschens einer Straftat” statt, und die “falsche Verdächtigung” machte gerade 0,3 Prozent der polizeilichen Ermittlungsfälle aus. Alice Schwarzer und Lohfinks Anwalt sollten lieber darauf verweisen, worauf es bei einer Vergewaltigung wirklich ankommt: Zum Arzt gehen und zwar unmittelbar. So grauenhaft das auch sein mag, nur so kann ein Mediziner jene Verletzungen, Mikrowunden und DNA-Spuren dokumentieren, die potenzielle Täter vor Gericht zweifelsfrei überführen.

Was am Ende bleibt

Wenn der Fall Gina-Lisa eines lehrt, dann doch dies: Vergewaltigungsfällen ist juristisch schwer beizukommen, wenn die Faktenlage uneindeutig ist. Der Rechtswissenschaftler und Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs, Thomas Günther Otto Fischer stellt in seiner ZEIT-Kolumne hierzu fest:  “Wir reden über problematische, unklare, ambivalente Beziehungen, über Alkohol- und Drogenkonsum eines oder beider Partner, über Versöhnungen und Pseudo-Versöhnungen, Streitereien und Aggressionen. Wir reden nicht über Vertragsverhandlungen zwischen zwei Rechtsanwältinnen, sondern über eine unendliche Vielfalt von Möglichkeiten zur Unklarheit, zum Ärger und zum Missvergnügen, überlagert von emotionaler Betroffenheit, Erregung, Affekt.”

Auch sein Kollege der ZEIT-Journalist Heinrich Wefing erkennt keinen Mehrwert für eine Reform des Sexualstrafrechts: “Der Fall Lohfink trägt nichts dazu bei, gar nichts. Er beweist auch nichts, weder die Verschlagenheit von Frauen noch die Frauenfeindlichkeit der Justiz. Er zeigt allenfalls, wie verloren manche Menschen sind.”

Alice Schwarzer wird unterdessen nicht müde, das Urteil einen “Skandal” zu nennen: Es sei unübersehbar “dass die beiden Männer extrem verächtlich und brutal mit der Frau umgegangen sind”. Das haben die Richterin und die Staatsanwältin aber auch niemals bestritten. Die leitende Kriminalbeamtin stellte fest: “Man möchte sich selbst nicht so sehen” Pardis F. und Sebastian C. haben sich niederträchtig und schäbig verhalten, doch vom Vorwurf der Vergewaltigung wurden sie freigesprochen.

Die beiden Männer haben Lohfink benutzt, um ein Skandalvideo anzufertigen. Dann hat Lohfink die beiden Männer benutzt, um einen skandalösen Prozess zu führen, der viel zu sehr in der Öffentlichkeit und in sozialen Medien geführt wurde als dort, wo derartige Fälle verhandelt gehören: Im Gerichtsgebäude – so langweilig das auch klingen mag.