Kommt das Steak in Losgröße 1?

Gemüse, Eier und Fleisch aus dem Laboratorium. Was nach Science-Fiction klingt, ist längst essbare Realität. Zu schön, um wahr zu sein?

Der Mittagsteller in jeder Kantine sieht heute meist so aus: Eine saftige Hackfleischbulette, garniert mit handgemachter Remoulade und frisch gebratenem Gemüse. Soweit nichts Besonderes. Hinter dieser simplen Fleisch-Beilagen-Melange könnte sich künftig aber eine kleine Revolution verbergen. Für das Rindfleisch wird kein Tier mehr sterben, das Ei für die Kräuter-Mayonnaise nicht von einem Huhn stammen und das Gemüse nicht einen Sonnenstrahl sehen müssen, um die Zutaten für eine anständige Mahlzeit – oder das, was der konventionell gehaltene Bürokantinenbewohner darunter versteht – zu liefern.

Konfektionierte Designerlebensmittel sind zum Greifen nah, wie ein Blick ins Silicon Valley zeigt (wohin auch sonst). Wer heutzutage eierfreie Mayonnaise essen möchte, greift dort zum Glas ‚Just Mayo‘ des Unternehmens Hampton Creek. Der Firmengründer Joshua Tetricks hat dafür das erste hühnerloses Ei entwickelt. Dieses ist im Grunde kein fertiges Ei, sondern lediglich ein isoliertes Protein aus der kanadischen gelben Erbse. Dadurch ersetzt es Produkte, die es ohne Legehennenbatterien nicht geben würde. Schon im ersten Jahr konnte die Firma über 2 Millionen Gläser verkaufen.

Nach den „Europäischen Beurteilungsmerkmalen für Mayonnaise“, die es selbstverständlich gibt, soll der Anteil an Eigelb pro Glas mindesten 5% betragen – das entspricht je nach Größe ca. einem oder einem halben Ei pro Glas. Bei 2 Millionen Gläsern der Firma Hampton Creek eine ganze Menge Eier, die niemals gelegt werden mussten. Doch nicht Mitleid hat die Legehenne in diesem Fall überflüssig gemacht, sondern die Gesetze der Marktwirtschaft: Das Pflanzenersatzmittel aus der Erbse kostet gerade mal halb so viel wie das Ei aus der Manufaktur.

imagesNews3-large-1
Bildquelle: hamptoncreek.com

Schon heute vertreibt McDonald’s das künstliche Ei aus dem Silicon Valley in Südkorea. Wer dort das Frühstückssandwich mit Ei zu sich nimmt, kann das hühnerlose Ei aus dem Valley kosten.
Auch andere große Nahrungsmittelkolosse wie Starbucks, Kraft, Burger King und Subway interessieren sich bereits für das Tetrick’sche Wunderei aus dem Labor.

Fleisch ohne Tier: Der Traum aller Tierschützer?

Doch neben der Revolution im Mayonnaiseglas gibt es im Rahmen der Welternährung noch völlig andere Probleme zu lösen: ein besonders kniffliges ist das Thema des Flächenverbrauchs im Rahmen der Fleischproduktion. Denn 30 Prozent der weltweit genutzten Agrarflächen sind den Tieren und nicht den Pflanzen vorbehalten. Um also das Dilemma vom westlichen Lebensstandard und den endlichen Anbauflächen überhaupt aufzulösen, müssen auch in der Fleischproduktion neue Wege gegangen werden – und zwar so, dass am Ende möglichst echtes Fleisch in den Regalen liegt.

Die ersten Schritte wurden bereits gemacht. Das Geschäft mit Fleisch- und Käseimitaten auf pflanzlicher Basis boomt schon heute. Die Firmen Impossible Foods und Beyond Meat aus Kalifornien produzieren mittlerweile eine bunte Palette an Imitaten, die ihren Originalen zum Verwechseln ähnlich schmecken. Falsch etikettierte Geflügelsalate von Beyond Meat wurden nicht einmal bemerkt. Der Fehler wurde intern entdeckt, nachdem die vermeintlichen fleischhaltigen Salate schon längst den Verdauungstrakt der zufriedenen Kunden passiert hatten. Die besondere Stärke der Imitate liegt darin, dass die Inhaltsstoffe beliebig zugesetzt werden können. Wenn gewünscht, dann kann der falsche Burger mehr Proteine, mehr Eisen und mehr Vitamine enthalten als der konventionelle echte.

Welche Technik das möglich macht, erfahrt ihr auf Seite 2.

Big Data – Big Meat?

Die Technik, die dahinter steckt, bedient sich am Pflanzenreichtum der Erde: Weltweit gibt es ca. 400000 Pflanzenarten und jede enthält bis zu 50000 verschiedene Proteine. Hampton Creek, die eingangs erwähnte Firma von Joshua Tetrick, bedient sich eigens programmierter Algorithmen, um der Natur ihre Geheimnisse zu entlocken. Aus über 4000 Pflanzen konnten bislang verschiedenste Bestandteile herauskristallisiert und neu zusammengesetzt werden. Die gestalterischen und geschmacklichen Möglichkeiten scheinen unendlich zu sein, und doch bleibt ein fader Beigeschmack: So nahrhaft und so vielseitig die Imitate auch sein mögen, es bleibt stark anzuzweifeln, dass das globale Geschäft mit echtem Fleisch dadurch zum Erliegen kommt. Die Frage, ob überhaupt und wenn ja, wann sich die Welt gänzlich vegetarisch ernähren wird, können und wollen wir heute noch nicht beantworten.

Doch immerhin schlägt der Pioniergeist eine Brücke – wie etwa der von Mark Post, einem Mediziner der Universität Maastricht. Er stellt die Frage: Was wäre, wenn Fleisch auf unser aller Teller käme, für das kein Tier geschlachtet werden müsste? Die Revolution, die diese Innovation verheißt, wird umso deutlicher, wenn man sich die Zahlen der globalen Fleischproduktion ins Gedächtnis ruft:

Die Landwirtschaftsorganisation der vereinten Nationen (FAO) hat ausgerechnet, dass „die Nutztierhaltung etwa 30 Prozent der gesamten Landoberfläche der Erde“ beansprucht – das entspricht ungefähr der geografischen Ausdehnung des asiatischen Kontinents. Schließlich müssen die Tiere entsprechend gemästet werden und das ruft riesige Mengen von Soja, Mais und Weizen auf den Plan. Außerdem verursacht die Produktion von Steak, Schnitzel, Käse und Milch mehr als ein Siebtel aller emittierten Treibhausgase. Schon ein Kilo Rindfleisch hinterlässt den gleichen klimaschädlichen CO2-Fußabdruck wie eine Autofahrt über 1600 km. Nach derzeitigen Berechnungen der FAO werde sich die Fleischproduktion bis ins Jahr 2050 verdoppeln. Käse, Milch und Eier stehen dieser eklatanten Berechnung sogar außen vor.

Deshalb produziert Mark Post essbares Fleisch in Petrischalen, ohne ein einziges Tier dafür töten zu müssen. Genauer genommen züchtet der Wissenschaftler Rinderhack. Dafür benötigt er nur ein wenig Nackenmuskulatur einer ausgewachsenen Kuh. Aus dem Gewebe entnimmt er Stammzellen, die über Wochen zu Muskelfasern heranwachsen. Muskelfasern sind sehr fein. Sie messen im Querschnitt rund 0,01 mm bis 0,1 mm: Man benötigt ca. 20000 Stränge für nur einen Burger. Bis die Stammzelle in einer Nährlösung bei 37 Grad herangereift und zu einer essbaren Bulette umgeformt ist, vergehen knappe 3 Monate. Eine kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass eine Kuh zwei Jahre Aufzucht bis zur Schlachtreife benötigt. Der Vorteil gegenüber der gewöhnlichen Rinderzucht liegt für Post klar auf der Hand. In einem Interview gegenüber des österreichischen Online-Magazins Standart.at äußerte sich der Pionier über die Gründe, Rindfleisch im Labor zu züchten:

Der Grund, warum wir uns besonders mit Rindern beschäftigen, ist, dass sie besonders schädlich für die Umwelt sind. Sie sind sehr ineffizient darin, Nahrung in Fleisch umzuwandeln. Sie brauchen etwa siebenmal mehr Proteine im Futter, als sie selbst bilden. Die Kuh erzeugt Methan. Die Nutztierindustrie produziert dadurch bis zu 20 Prozent des Treibhausgases.“

Echtes Fleisch? Auch für Vegetarier? Mehr dazu auf Seite 3.

Das Fleisch, mit dem sich selbst Vegetarier anfreunden könnten?

Theoretisch könnte man aus einer einzigen Stammzelle bis zu 10000 Kilo Fleisch herstellen. Doch das Labor in Maastricht ist weit davon entfernt, Massenware zu produzieren. Zwei Hindernisse seien noch zu überspringen, so Post. Das Serum in der zukunftsschwangeren Petrischale wird nach wie vor aus Kälbern gewonnen. Ziel sei es, eine pflanzliche Alternative zu entwickeln. Das größte Problem bereite jedoch der Geschmack. Die beiden Freiwilligen, die im Sommer 2013 den wohl teuersten Burger der Weltgeschichte probieren durften, zeigten sich zwar verblüfft über das authentische Fleischerlebnis, aber sie bemängelten den fehlenden Saft und überhaupt das trockene Bouquet. Der Grund dafür war nicht schwer auszumachen: Es fehlte das Fett! Dieses will Post in eigenen Petrischalen züchten und seinen zukünftigen Brätlingen beimischen. Bislang kostete Posts Burger ca. 250000 Euro.

Doch der Investor von Post und Google-Gründer Sergey Brin glaubt nach wie vor an die Ideen des Mediziners. Im Interview zeigt sich auch Post optimistisch: „Wir haben mit einem Unternehmen zusammengearbeitet, das Zellen für medizinische Zwecke züchtet. Wenn wir unsere Produktion auf deren Modell umlegen, würde nach dem heutigen Stand der Technik ein Kilogramm Fleisch aus dem Labor rund 58 Euro kosten. Der Marktpreis für herkömmliches Fleisch wird jedoch künstlich niedrig gehalten. Ich denke, es wird noch ein paar Jahre dauern, aber wir werden konkurrenzfähig werden.“

kuehe_dossier_digital

Und mal abgesehen vom Geschmack, die Zahlen sprechend deutlich für das Fleisch-ohne-Tier aus Maastricht: Forscher der Universität Oxford haben ermittelt, dass Posts Methode 45 Prozent weniger Energie verbrauche, 96 Prozent weniger Wasser und 99 Prozent weniger Anbaufläche, als die herkömmliche Produktion von Fleischprodukten. Um den Fleischbedarf der Weltbevölkerung zu decken, bräuchte man lediglich 35000 Kühe, die nur hin und wieder etwas Gewebe opfern müssten. Und nur ein Zyniker würde behaupten, dass sich eine derart kleine Population nicht artgerecht halten ließe. Doch, ob sich eine derartige Frage in Zukunft überhaupt stellen wird, ist noch lange nicht abzusehen.

Trotz der vielen Vorteile – ähnlich wie bei den Fleischimitaten ließen sich auch in das Fleisch-ohne-Tier nachträglich Vitamine und Fettsäuren integrieren, die der Gesundheit dienlich sind – sind die kulturellen Vorbehalte nicht einfach wegzudiskutieren. Post trifft zwar einen Nerv, wenn er sagt: „Wir arbeiten daran, Fettzellen zu züchten, die mehr Omega-3-Fettsäuren enthalten. Ein Hamburger würde dadurch den Cholesterinspiegel senken, anstatt ihn zu erhöhen. Zudem gibt es die Vermutung, dass intensiver Fleischkonsum Darmkrebs fördern kann. Wenn wir herausfinden, welche Komponente des Fleisches dafür verantwortlich ist, könnten wir sie entfernen“, und dennoch müsste sich das Bewusstsein der Konsumenten drastisch ändern.

Selbst wenn das künstliche Fleisch schon bald die Supermarktregale bereichert, wird der Vorwurf eines künstlich gezüchteten Frankenstein-Fleisches erst einmal haften bleiben. Vorbehalte gegen unnatürlich erschaffene Organismen sind schließlich allein schon wegen ihrer literarischen und cineastischen Präsenz nicht aus den Köpfen der Menschen zu verbannen. Man könnte natürlich einwenden, dass es auch wenig kritische Stimmen gegen Kunstleder gibt, doch jene Dinge, die wir essen und wieder ausscheiden nehmen in unserem Leben dann doch einen anderen, vielleicht leidenschaftlicheren Stellenwert ein. Klar, kaum jemand schert sich um künstlich hergestellte Aromen oder die ganzen vielen “Es” – E363, E337 und wie sie alle heißen – doch handelt es sich immerhin um Zusätze und keine fertigen Produkte. Dennoch darf man nicht vergessen, dass biologische und natürliche Produkte – frei von Bernsteinsäure, Signettesalz und sonstiger Zusätze – sich steigender Beliebtheit erfreuen.

Ob und wie es schmeckt, lest ihr auf Seite 4.

Wird das Steak aus der Petrischale jemals schmecken?

Wie also soll man einer breiten Schicht von potenziellen Käufern das Steak in Losgröße 1 überhaupt schmackhaft machen?

Schon 1931 prophezeite Winston Churchill in einem Essay mit dem Titel Fifty Years Hence, dass die Menschheit in 50 Jahren die Absurdität der Massentierhaltung erkennen und Fleisch im Labor züchten würde. Die Idee kam aus der Medizin: Nobelpreisträger Alexis Carrel, ein Freund von Churchill, arbeitete daran, Organe außerhalb des Körpers am Leben zu halten, und erkannte, dass dabei Gewebe weiterwuchs.

Im Durchschnitt isst jeder Deutsche im Laufe seines Lebens 1.094 Tiere: Vier Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner. Der aktuelle Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung illustriert den Hunger, der kaum zu stillen ist.

Vielleicht ist es am Ende die Moral, die das Gros der Menschen zu einem neuen Fleischkonsum bewegt. Gute Frage, was passieren würde, wenn auf den Etiketten stünde, dass für jenes Stück Fleisch ein Tier sterben musste, wenn daneben im Regal eine geschmacklich authentische Alternative feilgeboten würde?

fleisch_dossier_digital

Die Technologie steckt noch in ihren Kinderschuhen. Für größere Stücke Fleisch fehlen noch künstliche Blutgefäße, die die Nährstoffe zu allen relevanten Zellen weiter liefern. Der Burger aus dem Labor ist schon essbare Realität geworden, das Steak lässt noch auf sich warten. Außerdem werden bislang nur Muskelzellen kultiviert, doch die Forscher arbeiten schon an geschmacklich hochwertigem Fettgewebe aus der Petrischale. Bislang arbeiten Post und sein Team mit einer speziellen Sorte von Stammzellen, sogenannten Myosatellitenzellen, die sie aus dem Gewebe von Kühen extrahieren. Diese Zellen teilen sich jedoch nicht unendlich. Ziel wird es sein, embryonale Stammzellen zu nehmen, damit die Kuh nicht immer neuen Nachschub liefern muss.

Zugegeben: Stammzellen, Petrischalen und Blutgefäße sind nicht unbedingt die Wörter, die uns ans Essen denken lassen oder gar unseren Appetit anregen. Es mag ein langer Weg dahin sein, bis der Konsument das Fleisch aus dem Labor als schmackhaft erkennt. Dennoch: Die Alternative zu einer Ernährungsweise, die uns gänzlich weg von einer klimaschädlichen Tierhaltung bringen könnte, ist nicht einfach bei Seite zu wischen – mal abgesehen von den katastrophalen Zuständen der Tierhaltung, von denen hier noch gar nicht die Rede war.

Die Menschheitsgeschichte steckt voller „teuflischer“ Innovationen, die für den heutigen Menschen ganz normal sind. Man denke nur zurück an die Maschinenstürme und die Weberaufstände, die sich im 19. Jahrhundert in vielen Ländern Europas ereigneten. Revolutionäre Innovationen wie das Fließband, die Glühbirne, die Waschmaschine und selbst das Automobil riefen anfangs immer Kritiker auf den Plan, die nicht davor zurückschreckten, die Apokalypse herbeizureden. Deren Kassandrarufe verstummten jedoch im Laufe der Zeit.

Ob das Fleisch aus dem Labor den Hunger des Konsumenten stillen werden kann, ist noch nicht abzusehen. Der Modellrechnung des norwegischen Professors Stig William Omholt zufolge würde es der Welt erhebliche Investitionen kosten, um auf die sogenannte In-Vitro-Produktion umzustellen. Und was den Hunger der Industrie betrifft, muss man sagen: Eigentlich müsste die Industrie ein reges Interesse daran haben. Nichts steht derzeit mehr im Vordergrund als Produktionsketten in kleinen Losgrößen zu etablieren. Die Losgröße resultiert ja bekanntlich aus dem Zielkonflikt, dass ein Kunde einen dringenden Bedarf nach irgendeinem Gut hat, aber die Kapazitäten knapp oder überlastet sind. Man vergleiche die Anbauflächen der Landwirtschaft. Die meisten Modelle versuchen die Gesamtkosten zu minimieren und eine optimale Auslastung der Kapazität zu erreichen. Technisch kann das Steak in Losgröße 1 schon essbare Realität werden.

Den meisten Menschen wird es bei diesem „faustischen” Unterfangen aber wohl so gehen wie dem Protagonisten in Goethes bekanntestem Werk (Faust): „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“