Start Der Pessimist Diskussionskultur im Netz: Mehr Filterblase wagen!

Diskussionskultur im Netz: Mehr Filterblase wagen!

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Diskussionskultur im Netz: Mehr Filterblase wagen!

Diskussionskultur im Netz: Mehr Filterblase wagen!

Gerade wird sozialen Medien die Schuld für alles gegeben: Populismus, schlechte Diskussionskultur, die AFD und das Wetter. Dabei wird die Verortung von Menschen in einem bestimmten Informationsumfeld, die berühmte Filterblase, meist zu einem neuen Phänomen erklärt. Das ist – mit Verlaub – Quatsch. Das Gegenteil ist der Fall. Soziale Medien verknüpfen Menschen, Milieus und Schichten, die sich früher nie begegnet wären. Und Medien formulieren ihre Online-Inhalte so, dass sie von möglichst vielen gelesen werden können – auf Kosten von Meinung und Diskussionskultur.

Ja, die Lektüre einer Zeitung war mal ein Statement, in einer fernen Zeit vor dem Smartphone. Nichts war besser geeignet, mit einer kleinen Bewegung die eigene politische Haltung zu kommunizieren. Wer etwa aus einer ländlichen Region stammte und in die Großstadt pendeln musste, konnte mit der raschelnden Lektüre des richtigen linksversifften Käseblattes vortreffliche Reaktionen bei seinen Mitfahrern in öffentlichen Verkehrsmitteln auslösen, die bereits in dritter Generation die – politisch einwandfreie – Lokalzeitung wie ein bürgerliches Schutzschild vor sich hertrugen. Wer eine Zeitung mit sich führte, konnte sich emanzipieren, integrieren, abgrenzen, solidarisieren. Alles nur mit einem Stück Papier.

Diese Zeiten sind leider vorbei. Heute kann man nur noch erahnen, welche Webpage sich das Gegenüber gerade auf seinem Smartphone ansieht. Zieht sich der geschätzte Mitfahrer gerade einen Diskussionsthread auf “Politically Incorrect” rein? Beschimpft er Claudia Roth mit seinem Fakeprofil? Oder bestellt er sich eine Ingwer-Karottensuppe ins Büro? Man weiß es nicht. Traurig eigentlich. Und unbefriedigend.

Ich drin, ihr draußen. Eigentlich ganz idyllisch, so eine Filterblase. Quelle: Wikimedia Commons

Mach´s dir gemütlich in der Blase

Um heute den eigenen Voyeurismus zu stillen, ist es einfacher, auf Facebook zu gehen. Hier kann man nach Lust und Laune die Kommentarsektion bei Bernd Höcke aufsuchen, danach kurz die Diskussion unter einem Artikel zum Thema “Impfen” lesen und sich ansonsten dem Medienkonsum widmen. Nein, nicht nur eines Mediums, ALLER Medien. Schließlich hat man ja ein Dutzend Nachrichtenportale, Blogs und Infotainment-Plattformen vorsorglich geliked, um nichts zu verpassen. Ein ganz normaler Tag in der eigenen Filterblase eben. Doch warum eigentlich Filterblase? Und worin liegt denn jetzt der große Unterschied zu früher? Sind wir – so der Grundvorwurf – wirklich isolierter geworden und setzen uns nur mit Unseresgleichen auseinander?

Der Begriff der Filterblase meint zunächst einmal nur, dass User durch personalisierte Informationen, die zum Beispiel im eigenen Newsfeed auftauchen, gegenüber anderen Meinungen zunehmend isoliert werden. Das mag bis zu einem gewissen Grad stimmen. Aber ist es nicht heute so, dass man trotzdem immer noch mehr sieht als früher, als die bloße Menge an Informationen noch viel geringer war?

Der Zugriff auf Nachrichten ist heute universeller denn je. Daher stellt sich schon die Frage, warum denn die Filterblase ein neues Phänomen sein soll? Im Gegenteil, war früher nicht sogar mehr Filter?

Momentaufnahme: Eine Nutzerdiskussion auf der Facebook-Seite von Peter Altmaier. Quelle: https://www.flickr.com/photos/_pixelmaniac_/

Filterblase? Eher Einheitsbrei!

Der offensichtlichste Unterschied zu früher liegt bei den gelesenen Inhalten: An die Stelle einer selektiven Zeitungslektüre, bei der das ausgewählte Blatt einen hohen Vertrauensvorschuss genoss, bei der man die Autoren und die Meinung des Leitartiklers kannte und seine Lieblingskommentatoren und Hassfiguren hatte, ist ein kostenloser, zusammengewürfelter Nachrichtenkonsum getreten, der nicht selten viele Medien aus den verschiedensten politischen Ecken einschließt. Auf einmal konsumiert jeder alles und die großen Nachrichtenplattformen tun alles dafür, dass alles für alle konsumierbar bleibt.

Die früheren Bastionen politischer Meinungshoheit, die großen Tageszeitungen, wirken auf Facebook plötzlich wie nette kleine Entertainmentportale, die sich Themen wie “Diese 10 Superfood-Trends musst du probiert haben” widmen und auf die kommentierende Community mit lustigen Gifs reagieren. Dabei machen alle das gleiche, wollen jeden ansprechen und bereiten ihre Inhalte dementsprechend auf. “Klickstarke” Überschriften haben die Wortspiele verdrängt, alles ist maximal verständlich und eben konsumierbar. Von Filterblase keine Spur. Vielmehr eine große, ermüdende Einheitlichkeit. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die inhaltliche Tiefe. Zum gesellschaftlichen Konsens gehört es mittlerweile, Diskussionen mit den immergleichen Argumenten an der Oberfläche zu führen – und mit jenen zu diskutieren, mit denen man gar nicht diskutieren wollte.

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Florian Stocker
Florian Stocker, geboren 1986 in München, begleitet die Digitale Transformation seit Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln. Als studierter Politikwissenschaftler landete er zunächst als Vertriebsingenieur in der Online-Marketing-Branche. Nach diesem zweijährigen Intermezzo und der Einsicht, dass die Beobachterrolle auch recht reizvoll sein kann, entschied er sich zwei Jahre später für den Journalistenberuf und arbeitet seitdem als freier Redakteur für verschiedene Fachmagazine, unter anderem für den altehrwürdigen “MM MaschinenMarkt”. <br /> <br /> <strong>Themen:</strong> Big Data, Arbeitswelt, Digital Economics, Netzpolitik und – ohne Witz – Pumpen, Armaturen und Rohrleitungen.