Start Smarte Arbeit - gutes Leben? Wir müssen nicht deeper diggen – Über Sinn und Unsinn von Business-Sprech

Wir müssen nicht deeper diggen – Über Sinn und Unsinn von Business-Sprech

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Wir müssen nicht deeper diggen – Über Sinn und Unsinn von Business-Sprech

Wenn Sie nicht wissen, was Sie sagen sollen, dann sagen Sie es doch auf Englisch. Business-Denglisch ist längst nicht mehr nur bei Beratern – Verzeihung: Consultants – beheimatet, sondern hat sich flächendeckend in deutschen Büros etabliert. Es handelt sich dabei keineswegs nur um ein paar lustig klingende Anglizismen, die Bullshit-Grenze wird immer häufiger überschritten. Das kann nerven, denn: Wirklich authentisch ist Business-Sprech nicht. Dieses Potpourri hilft dabei, trotzdem “gechillt” zu bleiben.

Zugegeben: Wir sind alle schuldig. Schuldig weil wir es ständig wieder tun. Von Tag zu Tag, von Post zu Post, von Message zu Message. Während wir noch brav zur Uni gingen, die fetten Business-Towers unserer Home-Cities höchstens von außen kannten und uns all die geschleckten Busy-Miss-Lizzies und Men-in-Suits völlig Schnuppe waren, da waren auch unsere Englischvokabeln noch andere. Wir fragten What’s up Digga? Zu deutsch: Geht heut was?

Heute, selbst im feinsten Zwirn in die Arbeit kommend, hören wir unseren Kollegen im Early-Bird-Meeting sagen: „Also mit der bisherigen Performance war der Kunde alles andere als green, da müssen wir noch viel viel deeper diggen.” Hat der Typ das jetzt wirklich so gesagt? Nicht dass ich nicht wüsste, was er meint, aber das ist doch gequirlte Scheisse. Digga.

Gerade im Büro hören wir ständig neue Wörter und Redewendungen doch auch im Alltag, Internet und unter Freunden. Nicht alle davon sind so unnötig, bzw. so gezwungen formuliert wie besagtes „Deeper Diggen”, ja, manche zeugen auch gut und gerne von einem gewissen Mehrwert, aber an manchen Tagen erfasst einen schiere Verzweiflung über den Business-Sprech, der oft nicht mehr als eines ist: Kauderwelsch. An solchen Tagen möchte man mit dem Erfinder dieser Unart gerne ein Hühnchen rupfen.

Wer hat’s erfunden?

Wer nach frühen Beispielen für die Hybridisierung der deutschen und englischen Sprache sucht, landet fast zwangsläufig bei Jil Sander. Der Modeschöpferin wird zumindest eines der ältesten dokumentierten Business-Sprech-Zitate zugeschrieben: „Mein Leben ist eine Giving-Story. Für den Erfolg war mein Coordinated Concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer Collection miteinander combinen kann. Aber die Audience hat das alles von Anfang an auch supported.”

Dass die Designerin damit am Anfang einer Sprachlawine stehen würde, deren eruptive Kraft noch lange nicht versiegt ist, konnte sie zwar nicht ahnen, doch ihr geistiges Erbe ist schon gewaltig, bzw. outstanding.

Denn die traurige Wahrheit ist: Wir üben uns alle in Hohlsprech-Skills, zum einen, weil wir uns wähnen, damit klüger zu klingen und zum anderen, weil Vorgesetzte, Kollegen das eben auch so machen.

Jil Sander kreiert Damenmode, Herrenmode und Accessoires, dass sie aber womöglich auch “Sprachmode” dazu verhalf, en vogue zu sein, ja, das ist neu. Quelle: pixabay.com

Wir treten unseren Dienst an und werden umgehend für das bevorstehende Meeting gebrieft. Doch davor noch schnell ein Conference Call. Nach dem Meeting, schnell zum Business-Lunch, denn die Uhr tickt. Der Workflow wird heute mal wieder optimiert, denn der Kunde will ASAP – as soon as possible – bedient sein. Wir versammeln alle unsere High Potentials in uns und blicken verächtlich auf die Low-Performer im Office, die nur 9 to 5 ihrer Arbeit nachgehen, anstelle sich doch auch mal richtig zu committen bzw. Passion und Engagement zu zeigen.

Unser Tag endet dann, wenn wir dem Kunden die brandnew Version des Storytellings für seine Marketing Campaign in seine Mailbox delivered haben, bevor die Deadline abgelaufen ist, versteht sich. Und dann endlich: After-Work-Fitness, oder wie ich gerne zu meinen Kollegen sage: „Time for AWF.”

Kurz, kürzer am kürzesten

Der Trend, Abkürzungen zu bemühen, folgt einer goldenen Regel: Zeit ist Geld. Time is Money. TIM! Furchtbar annoying finden wir unnötige Abbreviations trotzdem. Kein Wunder, wenn man genau hinsieht:

Ich bekomme einen Anruf eines Kunden, muss ihn aber vertrösten, denn ich bin AFK – from the keyboard away. Oh No! Ich hätte aber auch kundtun können: “Sorry, Ich bin leider OOO – Out of Office.” Daher gilt: AFK aka OOO. Auf gut deutsch: Man kann es synonymisch verwenden.

Aber egal, morgen steht ohnehin das AGM an, das Annual General Meeting, bei dem die neue Strategie vorgestellt wird, warum meine Company in Zukunft mehr in den B2B-Sektor vordringen und das B2C-Geschäft schrittweise zurückfahre möchte. Besonders in BRIC liege hierfür sehr viel Potenzial.

Übersetzt heißt das soviel wie: Die Jahreshauptversammlung steht mal wieder an. Unter anderem wird von höchster Stelle bekannt gegeben, dass meine Firma in Zukunft mehr ins Geschäft mit anderen Firmen treten möchte und ihre Dienstleistungen für Privatkunden zurückfahren möchte, da dieser Markt besondere Chancen in Brasilien, Russland, Indien und China (BRIC) verspricht.

Mir ist das im Grunde egal. Hauptsache ich darf weiterhin im Home-Office arbeiten. Die Work-Life-Balance-Politik meiner Firma läuft tatsächlich vorbildlich, aber ich habe null Bock, mich als Raucher in den COSA (comfortable outdoor smoking area) zwängen zu müssen. Ich arbeite lieber mit meinem Laptop zu Hause und schwelge im Dunst. FYI (for your information): Ich habe bereits versucht, aufzuhören, aber quitten ist nunmal verdammt schwer.

Bei Abkürzungen wie ROI (Return on Investment) ergibt sich der Sinn selbst dann noch schwer, wenn man ein Wörterbuch zur Hand nimmt. Quelle: pixabay.com

WTF – (what the fuck). Eine Email meines Vorgesetzten mit dem Betreff IOU (I owe you), auf gut deutsch soviel wie: Nachdem du das alles erledigt hast, bin ich dir was schuldig. Was wiederum heißt: Beim nächsten Business-Dinner zahlt er meine Rechnung. Immerhin. So, whats up?

Achso, der LOI (Letter of intent), gemeint eine Vereinbarung zwischen zwei Geschäftspartnern über ein beabsichtigtes Projekt, mit dem Kunden XYZ ist noch nicht TBC (to be confirmed), also noch nicht bestätigt. Das sollte aber heute noch OTC (over the counter), also über den Ladentisch gehen.

Vom Learning her habe ich einiges mitgenommen

Schon witzig das mit diesem TBC. Was früher als Abkürzung für Tuberkulose gängig war, bedeutet heute: „muss noch bestätigt werden”. Man könnte aber auch sagen TBA (to be announced) oder TBD (to be defined). Doch mal ehrlich: Wer in der westlichen Welt leidet heute schon noch unter Tuberkulose? TBC? Nein, Nein: Recht wenige.

Solange in meinen Mails nicht das Teufelswort SNAFU auftaucht, muss ich mir auch recht wenig Gedanken ums Geschäft machen. SNAFU bedeutet: situation normal, all fucked up. Das sagen Amerikaner – und nun auch wir – wirklich nur, wenn die Kacke so richtig am dampfen ist. Synonymisch könnte man auch „Mayday” oder gleich „SOS” tweeten.

Und tatsächlich: Wer täglich mit derartigen Abkürzungen und hohlen Wendungen konfrontiert wird, erleidet tatsächlich Schiffbruch – und zwar innerlich. Irgendwann will man einfach nicht mehr wissen, was der USP (unique selling point) dieser und jener Company ist, und warum der ROI nicht so doll ist, wie erwartet. Warum nennt man den ROI (return on investment) auch nicht beim Namen und sagt: der Gewinn. Oder fällt es so schwer zu begreifen, dass der Gewinn immer nur dann ein wirklicher Gewinn ist, wenn ich meine Investitionskosten mit verrechnet habe?

Egal wie, fest steht: Die nächste blöde Abkürzung wird kommen und uns alle erfassen – und selbst dafür gibt es auch schon eine Abkürzung: YABA (yet another bloody acronym), zu deutsch: wieder so eine dämliche Abkürzung!

Fest steht auch: Da brauchen wir einen Change-Request im nächsten Release. Doch das kommt aufs Deployment an. Zuvor müssen wir aber die Target Audience klären, der Fit passt noch nicht. Doch immerhin: Vom Learning her habe ich einiges mitgenommen, aber wir müssen nach wie vor die Relationship mit dem Stakeholder verbessern. Eine Challenge? Nun ja, das hier ist eben kein Nine-to-Five-Job.

Voilà: YABA – Yet another bloody Acronym: Eine weitere unnütze Abkürzung, ob zum Lachen oder zum Weinen, sei dahingestellt. Quelle: giphy.com

Wäre natürlich schon nice, wenn das alles quick und easy ginge, aber der Teamleiter hat den Lead, wenn er fein damit geht, dann sind wir erst agreed. Nur noch ein paar Slides scribbeln, dann geht die Präsi raus. Ich werde das schon rechtzeitig gegreenlighted kriegen.

Authentisch oder Aufschneiderisch?

Man mag das bedauern oder feiern, aber viele Leute sprechen so, wenn auch vermehrt nur im Büro.

Doch ist das überhaupt authentisch? Eher Nein. Tatsächlich werden Führungskräfte, die häufig in Phrasen aus der Geschäftswelt reden, als unglaubwürdig, unsympathisch und sogar inkompetent wahrgenommen. Das haben Psychologen der Universität Erlangen-Nürnberg herausgefunden.

Die meisten Arbeitnehmer entlarven Phrasengedresche wohl recht schnell. Nur die wenigsten fallen darauf herein. Doch daraus können nicht nur Führungskräfte eine Lehre ziehen, denn: Wer auf eine klare und verständliche Sprache setzt, der begegnet dem anderen wohl eher auf Augenhöhe. Das macht Hierarchie auch gar nicht hinfällig, trägt aber am Ende aber womöglich mehr zu einem respektvollen Umgang bei, so die Studie.

Das wäre dann unter Umständen tatsächlich ein Learning, das incredibly rewarding ausfiele.

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Benjamin Schulz
Der Diplom-Historiker Benjamin Schulz, geboren 1987, befasste sich während seines Studiums umfassend mit Rezeptions-, Kultur- und Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Der angehende Doktorand erfreut sich an einem breitgestreuten Interesse, das weit über Historiographie hinausgeht. Sein Motto: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie bietet eine erfrischende Inspiration, zukünftigen Ideen und Entwicklungen mit kritischen und offenen Augen zu begegnen. Denn früher war gewiss nicht alles besser! <br /> <br /> <strong>Themen:</strong> Industrie 4.0, Welternährung, Forschung, Smart City und vernetzte Umwelt.