Start Vernetzte Umwelt Roosegaardes Technopoesie: Kann Schönheit unsere Welt retten?

Roosegaardes Technopoesie: Kann Schönheit unsere Welt retten?

0
Roosegaardes Technopoesie: Kann Schönheit unsere Welt retten?

Roosegaardes Technopoesie: Kann Schönheit unsere Welt retten?

Sicherheit, Umweltschutz und Ästhetik – Begriffe, die zusammenpassen? Der niederländische Designer Daan Roosegaarde sagt: Ja! Seine smarten Straßen, selbstleuchtenden Radwege, smogfreien Erholungsräume und nachhaltigen Dance Floors sollen schön und funktional sein. Doch sind dies nur nette Spielereien, oder tatsächlich Innovationen, die die Welt besser machen?

Eine Fahrt auf der Landstraße Richtung Oss. Der Weg hin zu einem überschaubaren kleinen Städtchen im Nordosten der holländischen Provinz Nordbrabant. Die Reise dorthin ist erleuchtend – in mehrfacher Hinsicht: ein grünes Lichtband illuminiert den Randstreifen auf der mäandernden Landstraße. Tagsüber nimmt das fluoreszierende Band Sonnenlicht auf, nachts wandelt es die gespeicherte Energie in Licht um und weist Autopiloten den Weg. Die Einführung der ersten leuchtenden Straße verursachte gleich mehrere Staus, weil so viele Menschen die Zukunft Probe fahren wollten.

Normalerweise sind es die Lichtkegel der eigenen Scheinwerfer, die auf den Straßen für die nötige Orientierung sorgen. Daan Roosegaards Lichtbänder erschaffen viel mehr. Kurven, Hügel, Tunnel, Kreuzungen und sonstige Änderungen auf der Fahrbahn sind durch diese Beleuchtung bereits Hunderte Meter im Voraus zu erkennen. Im Grunde handelt es sich um nachhaltige Straßenlämpchen, die für mehr Orientierung und Sicherheit sorgen.

Einer von vielen innovativen Ansätzen, in denen Roosegaard die unverbrüderlichen Begriffe Sicherheit, Umweltschutz und Ästhetik eng verschwistert.

Die Straße der Zukunft?

Die Landstraße N329 Richtung Oss heißt neuerdings “weg van de toekomst”. Wem es nicht aufgefallen sein sollte: das ist holländisch und bedeutet Straße der Zukunft. Die Verkehrsschilder, Radwege, Tunnel und selbst die Unterführungen leuchten in verschiedenen Farben. Je dunkler, desto heller. Fahrradfahrer, die sich per Smartphone registrieren, werden bei der Einfahrt in die Unterführung durch eine aufblitzende Leuchtschrift namentlich begrüßt. Ist das nicht schön? Ästhetik 4.0? IT und Kunst in einem?

Glowing_lines_of_smart_highway
Eine visionäre Idee: E-Autos, die sich beim Fahren selbst aufladen. Zu schön um wahr zu sein? Roosegaarde sagt: Nein! Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Daan_Roosegaarde

Der Designer lässt jedenfalls wenig Raum für Zweifel, dass es bei all seinen Projekten besonders auf die Kunst als solche ankommt. Für Roosegaarde liegt in modernster Technik zwar der Schüssel hin zu einer nachhaltigen Weltordnung. Doch Ästhetik ist für ihn das Vehikel, um diese Veränderungen einer breiten Masse schmackhaft zu machen.

Sein Kalkül ist klar: Der Mensch als ‘homo aestheticus’ lerne fremde Dinge am ehesten zu schätzen, wenn die richtigen optischen Reize gesetzt würden. Er nennt das Technopoesie.

15 Mitarbeiter arbeiten in Roosegaards Studio mit dem klangvollen Namen Traumfabrik. Die Leitfragen seiner Bemühungen laden zum Grübeln ein: Was passiert, wenn die Technik die Maschine verlässt und einen Bund mit der Natur schließt? Wenn das analoge und digitale sich im Hegelschen Sinne aufheben und auf einer höheren Ebene verschmelzen? Wenn altes und neues eine nachhaltige Verbindung eingehen?

Smart Phone, Smart Watch, Smart Highway?

Eine Frage bleibt dennoch offen: warum dann gerade Straßen? Fest steht: Roosegaards großes Thema sind die Straßen der Zukunft. Er nennt sie ‘Smart Highways’. Der Designer erklärt seine Passion dadurch, dass er sich bei einer Autofahrt plötzlich darüber gewundert habe, warum wir lediglich die Autos moderner, umweltfreundlicher und eleganter machen? Wieso entwickeln wir keine Konzepte, die auch unsere Straßen nachhaltiger und ästhetischer machen? Gesagt, getan bzw. gefragt, getan! Die Vision von Roosegaards Smart Highway liest sich zwar ambitioniert, gleichwohl wäre eine Umsetzung richtungsweisend.

Klar: Auf diesem selbst leuchtendem Smart Highway fahren nur Elektroautos. Am Wegesrand folgt eine Induktionsspur dem Straßenverlauf. Die Autos aus dem Hause Tesla und co. laden sich beim Fahren kontinuierlich auf. Der Asphalt ist mit einer speziellen Farbe bestrichen, die auf Wetterveränderungen reagiert. Aufleuchtende Flockensymbole warnen den Piloten vor Frost auf der Fahrbahn. Diese werden ebenfalls durch Lichter voneinander abgegrenzt. Wenn keine Autos fahren, dann leuchtet gar nichts.

Nicht, dass der Smart Highway das Stromsparen nötig hätte: Alle Energie, die von den unterschiedlichen Beleuchtungen aufgezehrt wird, generiert sich selbst durch Solarpanel am Straßenrand und durch Sonnenenergie speichernde Farben. Der positive Energiehaushalt ist gar nicht die größte Stärke. In Roosegaards Vision passt sich die Verkehrsführung der entsprechenden Verkehrslage in Echtzeit an. Um dies an einem pendlergerechten Beispiel zu illustrieren: morgens laufen mehr Fahrspuren stadteinwärts, abends stadtauswärts. Geisterfahrer? Nein! Die fluoreszierenden Bänder verweisen auf die freien grünen und gesperrten roten Spuren. Eine nachhaltige Lichtenergie soll also die ausufernden Schilderwälder für immer obsolet machen.

Phantasterei? Wohl kaum! Dass in den Niederlanden derartige Konzepte bereits erprobt werden, ist nur einer von vielen Hinweisen darauf, dass Roosegaarde dank seiner leuchtenden Ideen zu einem begehrten Mann aufgestiegen ist. Man könnte über seine Meetings in Davos, Shanghai, Peking und São Paulo berichten. Über seine Auszeichnungen wie den People’s Choice Award, Dutch Design Award, Charlotte Köhler Award 2012 und den Kunstweek Artist of the Year 2016 Award. Oder über die Museen, in denen Roosegaard sein Schaffen bislang ausstellte wie das Rijksmuseum (Amsterdam), Stedelijk Museum (Amsterdam), Google Zeitgeist, Tate Modern (London), National Museum (Tokio) und das Musée des Arts Décoratifs (Paris).

Doch lassen wir das! Widmen wir uns lieber seinem künstlerischen Wirken, das freilich weit über intelligente Straßen hinausgeht.

Vorheriger Artikel Internet der Dinge – Internet der Individuen
Nächster Artikel [Kommentar] Start-Ups: Auf dem Weg in die Kultur der Beliebigkeit
Benjamin Schulz
Der Diplom-Historiker Benjamin Schulz, geboren 1987, befasste sich während seines Studiums umfassend mit Rezeptions-, Kultur- und Ideengeschichte der Frühen Neuzeit. Der angehende Doktorand erfreut sich an einem breitgestreuten Interesse, das weit über Historiographie hinausgeht. Sein Motto: Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie bietet eine erfrischende Inspiration, zukünftigen Ideen und Entwicklungen mit kritischen und offenen Augen zu begegnen. Denn früher war gewiss nicht alles besser! <br /> <br /> <strong>Themen:</strong> Industrie 4.0, Welternährung, Forschung, Smart City und vernetzte Umwelt.