Start Der Pessimist Fake-News: Die Wahrheit in der Krise

Fake-News: Die Wahrheit in der Krise

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Fake-News: Die Wahrheit in der Krise

Plötzlich kennt jeder die Wahrheit

Spätestens seit der US-Präsidentenwahl sprechen alle über die verheerende Wirkung von Fake-News in sozialen Netzwerken. Facebook hat auf die Kritik reagiert und versprochen, offensichtliche Falschmeldungen künftig schärfer verfolgen zu wollen. Die Debatte geht allerdings am eigentlichen Problem vorbei: Der Tatsache, dass wir verlernt haben, mit Informationen richtig umzugehen.

Wer seinen täglichen Bedarf nach Informationen stillen möchte, kann dies morgens nach dem Aufwachen schnell und effizient erledigen. Sobald man es mit zittriger Hand bewerkstelligt hat, sein mobiles Endgerät erfolgreich aus der Matratzenkuhle zu fischen, erfolgt umgehend der erste Blick auf den Top-Nachrichtenaggregator Facebook. Ein paar Scroll-Bewegungen reichen aus, um einen schnellen Überblick darüber zu gewinnen, was in der Zeit der eigenen Nachtschlafenheit auf der Welt passiert ist. Neben der Nachricht “Eine Katze fällt in den Luchs-Käfig. Die Reaktion der Katze hat weltweit für Fassungslosigkeit gesorgt.”, die man, ohne der Katze unrecht zu tun, mental unter der Kategorie “Boulevard” ablegen kann, taucht im eng auf die eigenen Bedürfnisse des Users zugeschnittenen Newsfeed auch allerlei politisches und gesellschaftskritisches auf. Der Tenor ist dabei oft der gleiche: Putin ist cool; Menschen mit Migrationshintergrund hegen dubiose bis böse Absichten; die Eliten verkaufen uns für dumm; Kinder der 90er sind die einzigen, die sich an das erinnern können, was nur Kinder der 90er interessiert; Merkel und Gabriel wollen CETA im EU-Parlament durchpeitschen; Cristiano Ronaldo ist voll arrogant, und so weiter, und so fort.

Fake ist nicht gleich Fake

Nachdem der kurze, rasante Nachrichtencheck vorbei ist, ist es Zeit, innezuhalten und die erworbenen Informationen zu verarbeiten. Merkel und Gabriel peitschen CETA durch das EU-Parlament? Können die das? Dürfen die das? Die Meldung klingt brisant. User klickt. Publiziert wurde der Artikel von der Nachrichtenplattform “Deutsche Wirtschafts Nachrichten”. Das News-Portal mit der phantasievollen Rechtschreibung im Titel beschreibt darin, dass die beiden größten Fraktionen im EU-Parlament, EVP und Sozialdemokraten, das Handelsabkommen CETA im Eilverfahren durch das EU-Parlament bringen wollen und sich Vertreter der Opposition – durchaus zurecht – übergangen fühlen. Der kurze Text ist ein netter, wenn auch nicht brisanter Artikel über die Mechanismen und Kräfteverhältnisse im EU-Parlament, dem aber eines fehlt: Der versprochene Inhalt. Die Namen Merkel und Gabriel tauchen – abgesehen von der Überschrift – nämlich an keiner einzigen Stelle auf. Eine Verbindung zwischen der Bundesregierung und den Fraktionen im EU-Parlament mag es zwar zweifelsfrei geben, doch dass die beiden Spitzenpolitiker einen derart direkten Einfluss auf die Entscheidungen des EU-Parlamentes ausüben können, indem sie einzelne Projekte gar “durchpeitschen”, konnte in diesem Fall doch zumindest bezweifelt werden. Den Machern der deutschen Wirtschaftsnachrichten kann dies hingegen egal sein. Die Message ist platziert, die meisten User dürften sich den Artikel ohnehin nicht durchgelesen haben. Die Überschrift taugt dazu, fleißig geteilt zu werden und die kollektive Skepsis gegenüber einem angeblich korrupten Establishment eine Nuance weiter zu schärfen. Job done. Bleibt noch die Frage: “Dürfen die das?”

Die kurze Antwort: Ja, sie dürfen. Denn obwohl die verwendete Überschrift zumindest streitbar ist, ist die Frage, ob sie auch wirklich “wahr” oder “falsch” ist, zumindest Definitionssache. Die “DWN” bringen keine Falschmeldungen. Kaum einer würde darauf kommen, die Artikel des Magazins als Lüge zu bezeichnen oder gar bei Facebook anzuschwärzen.

Mehr Infos über die Vorgehensweise der Deutschen Wirtschafts Nachrichten hat Rayk Anders vor zwei Jahren in diesem Video zusammengetragen:

Das Beispiel illustriert die Problematik in der Debatte um sogenannte “Fake-News”, die angeblich in der Lage sein sollen, ganze Wahlen zu entscheiden, und die Facebooks smarten CEO gerade merklich in Verlegenheit bringen.

Auf der nächsten Seite: Welche Möglichkeiten Facebook wirklich hat und wo die Verantwortung der User liegt.

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Florian Stocker
Florian Stocker, geboren 1986 in München, begleitet die Digitale Transformation seit Jahren aus verschiedenen Blickwinkeln. Als studierter Politikwissenschaftler landete er zunächst als Vertriebsingenieur in der Online-Marketing-Branche. Nach diesem zweijährigen Intermezzo und der Einsicht, dass die Beobachterrolle auch recht reizvoll sein kann, entschied er sich zwei Jahre später für den Journalistenberuf und arbeitet seitdem als freier Redakteur für verschiedene Fachmagazine, unter anderem für den altehrwürdigen “MM MaschinenMarkt”. <br /> <br /> <strong>Themen:</strong> Big Data, Arbeitswelt, Digital Economics, Netzpolitik und – ohne Witz – Pumpen, Armaturen und Rohrleitungen.