Start Mensch und Maschine Zur Debatte um die Robotersteuer: Umverteilung – oder Revolution

Zur Debatte um die Robotersteuer: Umverteilung – oder Revolution

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Zur Debatte um die Robotersteuer: Umverteilung – oder Revolution

Der Bedarf nach menschlicher Arbeit wird in einer vollautomatisierten Produktion zurückgehen. Definitiv. Politik und Gesellschaft müssen schon heute darauf reagieren. Höchste Zeit also, die Forderungen nach einer Robotersteuer, dem bedingungslosen Grundeinkommen oder anderen Umverteilungsformen einmal ein bisschen konkreter zu denken.

Bill Gates Forderung klingt denkbar einfach: „Wenn ein Roboter ins Spiel kommt und dieselbe Arbeit macht, die sonst ein Mensch machen würde, sollte man doch denken, dass man den Roboter auf einem ähnlichen Niveau besteuert“, sagte er in einem Videobeitrag, der auf dem Onlineportal Quartz veröffentlicht wurde. Das Medienecho folgte prompt.

Der Microsoft-Gründer fordert: Wenn Roboter die Jobs von Menschen machen, sollten sie besteuert werden wie Menschen. Das Geld möchte er an anderer Stelle nutzbringend einsetzen. Zum Beispiel in der Pflege oder Pädagogik, in denen von Natur aus „menschliche Empathie und Verständnis sehr, sehr einzigartig“ seien. Ergo seien diese Berufe durch Roboter kaum ersetzbar. Und überhaupt gebe es in sozialen Einrichtungen „immense Engpässe“.

Außerdem witzelte der Gründer von Microsoft, dass Roboter sich schließlich nicht beschweren würden, wenn man sie mit einer Roboter-Steuer belangte. Wohl wahr, aber was die Besitzer dieser Maschinen wohl davon halten?

„Eine Robotersteuer ist technik- und innovationsfeindlich. Sie mindert die Bereitschaft aller Beteiligten, sich auf die moderne Arbeitswelt einzulassen und führt zu Abwanderungstendenzen von innovativen Unternehmen,” so Bertram Brossardt, der Hauptgeschäftsführer des bayerischen Wirtschaftsverbands.

Viele Ökonomen zeigen sich skeptisch. Sie fürchten, dass eine solche Steuer den technischen Fortschritt abwürgen könnte.

Anders Robert J. Shiller, Professor für Ökonomie an der Universität Yale. Er wurde 2013 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet und vertritt den Standpunkt, dass die Einführung disruptiver Technologien die Ungleichheit erhöhe. Sie sollte daher mit einer Abgabe belastet werden. Diese Ansicht teilen auch Elon Musk und Stephen Hawking.

Die Idee, den Betrieb von Robotern in der Produktion und anderen Bereichen zu besteuern und die Gelder dem Sozial- oder Bildungswesen zuzuführen, erscheint keinesfalls abwegig: Auch eine Kopplung an das bedingungslose Grundeinkommen wird diskutiert. Zugleich stellt sich die Frage, ob im Gegenzug die Arbeit von Menschen steuerlich entlastet werden soll?

Vollautomatisierung ohne Umverteilung?

Wie regelt man also den Umgang mit dem von Robotern erwirtschafteten Kapital? Die Frage ist keineswegs so trivial zu beantworten, wie es zunächst scheint. Klar: Derzeit wandert das erwirtschaftete Kapital in die Taschen desjenigen, der es erwirtschaftet, also eine Fertigungsstraße, einen Maschinenpark oder einen Roboter betreibt.

Wenn immer mehr Roboter die Arbeit von Menschen verrichten, wäre es dann nicht fair, sie in gleicher Weise zu besteuern? Quelle: Wikimedia / pexels.com

Doch darf das so bleiben? Wenn Kapitalanhäufung (oder ganz marxistisch: Akkumulation) und Wertschöpfung im Unternehmen auf immer weniger Angestellte entfallen? Was, wenn Roboter sich irgendwann selbst warten können? Roboter, die sich selbst optimieren, sind unlängst Realität – Stichwort: neuronale Netze. Natürlich wird es immer ein paar wenige Menschen brauchen, die Roboter ggf. neu programmieren oder reparieren.

Aber entstehen tatsächlich genau so viele neue Berufe, wie sie Digitalisierung und Automatisierung obsolet machen?

Bedeuten mehr Roboter automatisch weniger Jobs?

Je mehr Roboter, desto weniger Arbeitsplätze – stimmt das? Bei Bosch hört man aus der Sparte Connected Industry (vernetzte Industrien) diese Meinung: „Je mehr Technik es in einer Fabrik gibt, desto mehr hoch qualifizierte Leute braucht man, die die Systeme betreuen, warten und Verbesserungen einsteuern.” Ein oft gehörtes Argument.

Es gibt aber auch viele kritische Stimmen an der fortschreitenden Digitalisierung – und zwar nicht nur aus dem „linken” Lager. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, warnte erst Anfang 2017 vor den Folgen einer zunehmenden Automatisierung: „Die technologischen Veränderungen, die wir im Moment sehen, stellen eine echte Herausforderung dar.“

Fast alle Berufe würden sich künftig durch Innovationen wie Robotertechnik und künstliche Intelligenz ändern. Regierungen müssten dafür sorgen, dass auch neue Chancen für alle entstünden: „Exzessive Ungleichheit ist unvereinbar mit stabilem Wachstum,“ so Lagarde.

Quo vadis?

Wohin geht die Reise? Futurologen tun sich bei der Beantwortung dieser Frage genauso schwer wie Ökonomen ersten Ranges. Im Grunde kann aber niemand wissen, ob es in 20, 30, 40 Jahren noch Jobs für alle geben wird. Deshalb tut es eher Not, sich über eine Welt Gedanken zu machen, in der Roboter mehr „Werte” erwirtschaften als Menschen.

Diese Welt wird kommen, darüber besteht kein Zweifel. Die Entwicklung immer leistungsfähigerer Roboter zeigt nämlich auch: Nicht nur „einfache Jobs” im Service oder am Fließband werden durch die Robotik ersetzt. Nein. Auch komplexe Tätigkeiten werden zur Gänze oder zumindest teilweise von Robotern übernommen. Selbst Manager werden von leistungsfähigen Algorithmen in Entscheidungsprozessen herausgefordert. Logistik wird früher oder später vollautomatisch ablaufen. Ganze Wertschöpfungsketten werden ohne einen einzigen Menschen Produkte erzeugen. Und auch in der Landwirtschaft machen immer mehr Maschinen den Erntehelfern Ihre Arbeitskraft streitig.

Die Folge: prekäre Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und zu wenig soziale Absicherung. Nicht ohne Grund stößt man in aktuellen Debatten über soziale Gerechtigkeit häufig auf den – freilich als Kampfbegriff aufzufassenden – Terminus „Digitales Lumpenproletariat.”

Die viel beschworene Geschenk- und Sharing-Ökonomie entpuppt sich bei näherem Hinsehen nur als verstärkte Konzentration von Kapital in den Händen einiger großer Unternehmen, die sich am Markt behaupten: Uber, AirBnB, Helpling, etc.

Mit jeder neuen industriellen Revolution wird auch Kollege Klassenkampf wieder en vogue.

Was diese Firmen eint: Jeder kann sofort mitmachen und Geld verdienen – zum Mindestlohn versteht sich. Online-Anmeldung genügt. Doch die Errungenschaften, für die Arbeiter jahrzehntelang auf die Straße gegangen sind, fehlen im Geschäftsmodell der Tech-Konzerne: Sozialversicherung, Rentenkasse, Krankenversicherung, etc. Das Internet als Mittel der Selbstverwirklichung gereicht so nur zur unterbewussten Selbstausbeutung.

Arm ist schließlich auch jemand, dem bei einer finanziellen Krise – Unfall, Krankheit – trotz Mindestlohn plötzlich die Mittel fehlen. Denn diesen Vorwurf müssen sich alle Arbeitgeber gefallen lassen, die prekäre Verhältnisse anbieten: Sie unterlaufen den Mindestlohn, auch wenn sie sich rechtlich hinter dem Gesetz verschanzen können. Die prägnantesten Fälle 2015/2016? DHL, Tönnies Fleischfabrik, Adidas u.v.m.. Es passiert – mitten in Deutschland.

Warum gefährdet das Silicon Valley Arbeitsplätze?

Das fragte der Spiegel Andrew Keen, den Autor von „Das digitale Debakel”. Seine Antwort lädt zum Grübeln ein: „Wir treten in das Zeitalter der intelligenten Maschinen ein, in denen Computer und Netzwerke immer mehr von dem leisten können, was wir Menschen können. Immer größere Teile der Mittelklasse brechen weg, und wir sehen die Entwicklung eines Arbeitsmarktes, in dem es eine kleine Elite von ‘Digital Masters’ gibt und daneben ein Lumpenproletariat, das die Computer wartet, und nicht viel dazwischen.”

Warum das Wichtig ist? Weniger Arbeit insgesamt und weniger wertvolle Arbeit insbesondere führt zu erhöhter Arbeitslosigkeit – vom Frust der betroffenen Personen mal ganz abgesehen. Die Spirale dreht sich weiter fort und aus Arbeitslosigkeit wird Massenarbeitslosigkeit – ein Zustand, den sich kein demokratischer Staat leisten kann, wenn er einer Revolution zuvorkommen will.

Im Grunde gibt es nur zwei politische Möglichkeiten: Entweder man lässt die ‘Digital Masters’ so weitermachen wie bisher – und spielt der „Revolution” in die Hände – oder man errichtet neue Schranken – Robotersteuer, Grundgehalt, o.Ä. – und verhindert damit die „Revolution”.

Diskussionen über die „Digitale Revolution” findet man mittlerweile in jeder Talkshow zu jeder Sendezeit. Das Marx’sche Wording sollte nicht missinterpretiert werden: Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit stellt sich nicht nur „links” oder „rechts” – auch wenn alle Populisten Europas sich genau das auf die Fahnen schreiben –, sondern besonders in der „Mitte”. Doch beim Umbau der Gesellschaft steht allein die Politik in voller Verantwortung.

Umbau zur Kulturgesellschaft

Wie das aussehen könnte? Im Grunde gilt es jetzt eine Tendenz zu befeuern, die schon geraume Zeit um sich greift. Forscher sprechen von einer Freizeitgesellschaft, auch Kulturgesellschaft genannt oder aber Erlebnisgesellschaft.

Im Grunde geht es dabei um eine Gesellschaft, die es dem Einzelnen erlaubt, weit weniger zu arbeiten und wesentlich mehr Freizeit zu haben, als es heute normalerweise möglich ist. Der deutsche Physiker und Wissenschaftspolitiker Helmar Krupp erkannte diese Tendenz bereits 1984:

Szene aus “Metropolis” (Fritz Lang): Lässt die vollautomatisierte Produktion längst überwunden geglaubte Szenarien zurückkehren? Quelle: flickr.com

„Während einst berufsbezogener, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg mit individualpsychologischem Glücksempfinden harmonierte, werden für viele Menschen neben- und außerberufliche Rollen künftig noch wichtiger werden. In diesem nuancierten Sinne mag der Terminus Freizeitgesellschaft eine Bedeutung haben; genauer wäre: Gesellschaft weniger berufsbezogener Werthaltungen.“

Wer heute mit Freunden und Familie diskutiert, mag schon „weniger berufsbezogenen Werthaltungen” begegnet sein, nur nennen wir das heute Work-Life-Balance, Time-to-raise-Kids, Self-Fulfilment, etc. Man könnte beinah sagen: Arbeit allein ist nicht mehr sexy.

Bedingungsloses Grundeinkommen? „Leider geil!”

Aber das Grundgehalt, das finden immer mehr Leute sexy. Namhafte Politiker und Wirtschaftsbosse weltweit sprechen sich reihenweise dafür aus.

Doch man hört auch sehr viel „MiMiMiMi” – Wehklagen seitens der Bedenkenträger. Arbeitet dann überhaupt noch jemand? Bei aller Liebe: Das Argument ist schwach. Als würde ein Student trotz Stipendium, seinen Nebenjob in der Bar aufgeben. Als würden alle nur noch hartzen. Leben sie mal von 1000 Euro in einer Stadt wie München oder Hamburg, in der zwei Drittel für die Miete draufgeht. (Bei Hartz 4 wird die Wohnung gestellt). Warum würden alle weiter arbeiten? Weil zusätzliches Geld – um es im Hip-Hop-Jargon zu sagen – „leider geil” ist.

Und all denjenigen, die dies nur für Utopie, Phantasterei oder was auch immer halten, sei gesagt, dass die Grundidee als negative Einkommensteuer in den 1940ern von der Ökonomin Juliet Rhys-Williams bereits angedacht und in ihrer Neuauflage aus den 1960ern tatsächlich auf Milton Friedman zurückgeht, immerhin den Godfather of Monetarismus. Für Friedman stellt der Wohlfahrtsstaat übrigens einen Betrug an jenen Leuten dar, die noch arbeiten und Steuern zahlen.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist schon lange keine Utopie mehr. Quelle: pexels.com

Doch was wenn alle den gleichen Obolus bekommen? Die Linkspartei liebäugelt schon lange mit der Idee. Neuerdings aber auch die CDU, allen voran Dieter Althaus (CDU), der mittlerweile 800 Euro Bürgergeld fordert. Arbeit, die heute sehr schlecht bezahlt wird, aber für die Gesellschaft notwendig sei, würde dann auch besser bezahlt oder attraktiver gestaltet werden, so ein tragendes Argument.

Ende der Asymmetrie

In den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts tauchte in der Diskussion um die gesellschaftliche Entwicklung bereits der Begriff der Freizeitgesellschaft auf. Angesichts schrumpfender Arbeitszeiten und steigender Einkommen schien sich eine Gesellschaft anzukündigen, in der die Erwerbsarbeit an Bedeutung verliert und immer mehr Zeit und Geld für die Freizeit zur Verfügung stehen.

Damals ahnte man von der heutigen Robotik noch nichts. Und damit hat Bill Gates mit seiner Forderung vollkommen Recht. Wie man das Ganze nennt, ist nicht entscheidend. Robotorsteuer, Grundgehalt, Bürgergeld, negative Einkommensteuer – das sei dahingestellt. Fakt ist doch: Die Verhältnisse zwischen Produktivität unserer Gesellschaft und menschlichen Arbeitskräften sind asymmetrisch. Tendenz steigend.

Eine moderate Steuer auf Roboter – und sei es nur eine zeitlich begrenzte, die die Einführung disruptiver Technik lediglich verlangsamt – ist die logische Komponente einer Politik zur Bekämpfung der wachsenden Ungleichheit. Wie das Geld verteilt wird, darüber lässt sich streiten, aber nicht darüber, dass es verteilt wird.