Die große Eventsoße: Wie Facebook & Co. unsere Feierkultur zerstören

Facebook & Co. synchronisieren globale Lebenswelten. Dass das nicht immer ein Segen ist, zeigen die vielen Festivals, Events und Veranstaltungen, deren Konzept weltweit kopiert wird – und die dadurch Gefahr laufen, ihren eigentümlichen Charakter zu verlieren.

Es muss ein magischer Moment gewesen sein, damals im Jahr 1988, als ein gewisser Francois Pasquier eine laue Pariser Sommernacht nutzte, um mit seinen Freunden eine spontane Gartenparty zu feiern. Im Verlauf des Abends erkannte der offenbar sehr beliebte Zeitgenosse, dass die Fläche auf seinem Grundstück möglicherweise nicht ausreichen würde, um seine illustre Soiree den weiteren Abend ohne Platzprobleme fortzuführen.

Kurzerhand entschloss er sich also, die Party spontan in den nahegelegenen Bois de Boulogne, einen Park im 16. Pariser Arrondissement, zu verlegen: Ein Picknick unter freiem Himmel, völlig spontan und in prominenter Gesellschaft – ein exklusiver Heidenspaß, der ein voller Erfolg wurde. Denn der spontane Akt bildete von da an den Auftakt zu einer in den Folgejahren jährlich im Juni stattfindenden Veranstaltung, dem “Diner en blanc”, also dem Essen in Weiß, dessen Fangemeinde in der Folge immer größer wurde und dessen einzige Regel die Besucher verpflichtete, sich von Kopf bis Fuß in weiß zu kleiden. Das “Diner en blanc” wurde so zum Flashmob, bevor es Flashmobs gab. Das Erfolgsrezept der Veranstaltungen ist bis heute vor allem deren Exklusivität. Ort und Zeit der Picknicks werden immer erst kurz zuvor bekanntgegeben. Nur wer gut vernetzt ist und “einen kennt, der einen kennt”, kann an dem weißen Spektakel teilnehmen.

Feste: Mosaiksteine der Kultur

Das Original: Impressionen vom Pariser Diner en Blanc im Sommer 2015 Bildquelle: All We Need is Food [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
Veranstaltungen wie das “Diner en blanc” sind vor allem eines: charakteristisch. Die Mixtur aus einer originellen Entstehungsgeschichte, jahrelang gewachsenen Ritualen, einem bisschen Glück und der nötigen Renitenz der Initiatoren – schließlich ist die Veranstaltung nicht angemeldet – sind die kleinen Bausteine, die dem Mythos der aufgeschlossenen Pariser Lebensart jedes Jahr ein weiteres Kapitel hinzufügen.

Die Kopie: Auf der ganzen Welt entstehen aktuell kommerzielle und nichtkommerzielle Ableger des Pariser Originals Bildquelle: Flickr // Mack Male, Lizenz: CC

Doch bei der Beliebtheit solcher Events beginnt auch das Problem: Veranstaltungen sind Kultur, und Kultur kann exportiert und kopiert werden. Im Falle des “Diner en blanc” dauerte es nicht allzu lange, bis sich erste Ableger im Ausland bildeten und die Tradition auch irgendwann nach Deutschland schwappte. Das erste deutsche “Diner en blanc” fand im Jahr 2010 in Berlin am Bebelplatz statt und zog circa 400 Teilnehmer an. Im selben Jahr fanden sich knapp 500 Weißgekleidete im Münchner Hofgarten ein. Seit fünf Jahren sind die Picknicks feste Institutionen an vielen Orten, bei denen sich hier und da höchstens mal der Name ändert. Mit der Kopie hat sich auch die Machart geändert: statt über persönliche Netzwerke verabredet man sich heute vor allem über Facebook. Die vormals “spontanen” Events lassen sich damit wunderbar planen und durchchoreographieren, sodass jeder Ausbruch spontaner Kreativität bereits im Keim erstickt wird. Die Planbarkeit des Spontanen ist ohnehin eine besonders schöne Eigenschaft sozialer Netzwerke.

Mit der Verbreitung kommt der Profit

Das Internet ermöglicht allen Usern auf der Welt, von bestimmten lokalen und regionalen Besonderheiten zu erfahren und diese in ein öffentliches Licht zu rücken. Events wie das “Diner en blanc” finden auf diese Weise sehr schnell Fans und Anhänger aber auch Plagiateure in anderen Ländern. Eine Besonderheit von Fans ist vor allem, dass sie dazu bereit sind, Geld für etwas zu bezahlen, um daran zu partizipieren.

Ab hier beginnt das Dilemma: dort wo Menschen Geld ausgeben wollen, gibt es immer auch die Möglichkeit, Profite zu machen – im Falle des “Diner en blanc” sind es große Marketing- und Eventagenturen, die aus den vormals aus einer Basisbewegung entsprungenen Events ein profitables Geschäftsmodell entwickeln.

Von Nicht-Orten zu Nicht-Events

Vor zwei Jahren war es dann soweit: Die Agentur “Roewer-Berlin UG” veranstaltete im Jahr 2014 unter dem Motto “München White – Dinner with friends” ihr erstes weißes Picknick. Die Marketingprofis schöpften dabei das ganze Arsenal ihrer Social-Media-Abteilung aus und schafften im Internet eine pseudo-exklusive Kulisse inklusive Geheimniskrämerei und Spannungsaufbau. Der Preis pro Ticket betrug 39,99 Euro, Essen konnte – entgegen der ursprünglichen Idee – auch von einem ansässigen Caterer erworben werden. Die Lokalität war aufgrund von Streitigkeiten mit der Stadt zwar weniger attraktiv als ein Pariser Park (das Diner musste auf einer Galopprennbahn vor den Toren Münchens stattfinden), aber wenigstens war durch den hohen Eintrittspreis die nötige Exklusivität gegeben, um der Münchener Schickeria einen schönen, weißen Abend zu bereiten. Letztlich wirkte die Veranstaltung aber gerade wegen der straffen Organisation und der professionellen Werbung der Veranstalter sehr gewollt und wenig spontan. Die Agentur, die das Dinner laut eigener Website in insgesamt elf Städten anbietet, hat es damit geschafft, aus einem Pariser Charakteristikum ein gleichgeschaltetes Happening zu machen, das sich in seiner Machart nicht mehr von anderen kommerziellen Festivals unterscheidet.

Bildquelle: Flickr_Houser Wolf, Lizenz: CC (https:__creativecommons.org_licenses_by-nd_2.0_)
Die Ästhetik des Trostlosen lässt sich an klassischen “Nicht-Orten”, wie sie der Anthropologe Marc Augé beschrieb, wunderbar beobachten Bildquelle: Flickr / Houser Wolf, Lizenz: CC

Der französische Anthropologe Marc Augé entwickelte im Jahr 1992 den Begriff des “Nicht-Ortes” und beschrieb damit Orte, die überall gleich aufgebaut sind und sich durch das Fehlen von Geschichte und Identität, sowie durch eine “kommunikative Verwahrlosung” auszeichnen. Nicht-Orte, das sind Fast-Food-Filialen, Autobahnen, Einkaufszentren. Die Marketingagenturen, die gerade versuchen, ortstypische Veranstaltungen zu kopieren, machen ein Event damit zu einem “Nicht-Event” und schaffen es so im Austausch gegen ein paar Euro, über Jahre und Jahrzehnte gewachsene kulturelle Institutionen zu entwerten und zu verhökern.

Farbenfroher Kapitalismus

Ein weiteres, besonders prominentes Opfer des Event-Kidnappings ist beispielsweise das bunte Holi-Festival, das alljährlich in ganz Indien stattfindet, und bei dem es darum geht, den Frühling mit bunten Farben werfend zu begrüßen. Indien? Farben? Party? Das muss doch auch bei uns funktionieren! So in etwa könnte der Gedankengang bei einigen findigen Agenturprofis ausgesehen haben, als im Jahr 2012 die Berliner “Holi Concept GmbH” das Festival auch in Deutschland an den Start brachte – nicht, ohne ein paar Änderungen am klassischen indischen Konzept vorzunehmen. Die musikalische Untermalung wird bei dem Spektakel nämlich von professionellen DJ´s übernommen, die von den Besuchern zu werfende Farbe kann nur vor Ort gegen ein paar Euro erworben werden – zusätzlich zum Eintrittspreis von über 20 Euro. In Deutschland finden jährlich über 30 “Holi Festival of Colours” statt, die bunten Feten sind beim Publikum beliebt, schließlich hat das Fest ja etwas mit Indien zu tun und ist die ideale Gelegenheit, die eigene Weltoffenheit angemessen zu zelebrieren.

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Generation Selfie beim Feiern: Gelegenheit dazu gibt es z.B. auf den zahllosen Holi-Festivals in Deutschland Bildquelle: Holi Festival of Colours

Es gibt etliche weitere solcher Beispiele, von der jüngst aus Thailand importierten Full-Moon-Party bis zum seit einigen Jahren stattfindenden Oktoberfest in Shanghai.

Das Phänomen ist dabei nichts neues: beliebte Veranstaltungen haben schon immer Ableger in anderen Ländern gefunden. Was sich geändert hat, ist aber die Schlagzahl, mit der kulturelle Institutionen in andere Länder exportiert werden. Die in Echtzeit verfügbaren Informationen in sozialen Netzwerken führten auch zu einer Steigerung der Bekanntheit weltweiter Events – findige Unternehmer müssen im Grunde nur den richtigen Riecher haben, und zur richtigen Zeit die richtige Party veranstalten.

Wir können nicht überall gleich feiern

Dass solche Veranstaltungen mitunter auch recht seltsam anmuten können, wird dabei in Kauf genommen. Ein Picknick unter freiem Himmel, bei dem alle weiß gekleidet sind, entfacht in Frankreich eine völlig andere Wirkung, als in einer deutschen Großstadt, wo ein solches Maß an Einheitlichkeit bisweilen ein bisschen befremdlich anmuten könnte. Manche Passanten dürften sich unfreiwillig an das Buch “Die Welle” erinnert haben, in dem ein Lehrer im Rahmen eines Experimentes einen Mini-Faschismus in der eigenen Schulklasse einführt und die Schüler zum Tragen von Einheitskleidung in Form von weißen Hemden auffordert.

Einheitlichkeit? In Deutschland keine sooo gute Idee.

Feiern macht Spaß, und dieser Artikel ist keineswegs eine Aufforderung, damit aufzuhören. Es muss auch nicht immer “typisch” oder “originell” sein. Auch auf Parties von Eventagenturen lässt sich wunderbar Spaß haben. Es kann aber – liebe Feiernde – auch nicht schaden, bisweilen zu hinterfragen, ob ein als kulturell wertvoll bzw. “weltoffen” geltendes Event nicht doch einfach nur eine große, vereinheitlichte Marketingsoße ist, austauschbar, beliebig und letztlich nichts besonderes. Kultur entsteht und entstand immer aus der Mitte der Gesellschaft, in der Feste gefeiert werden wie sie fallen, und nicht, wie sie einer Kosten-Nutzen-Rechnung entspringen. Oft reicht schon ein schöner Abend mit den richtigen Leuten, um eine neue kulturelle Institution entstehen zu lassen. Denn wenn Francois Pasquier seinen Sommerabend auf einem Holi-Festival verbracht hätte, statt seine kleine Soiree zu geben, dann es gäbe heute vermutlich auch kein “Diner en Blanc”.